
David Mackenzie erzählt im Rahmen einer angedeuteten Krimihandlung eine ebenso einfühlsame wie fantasievolle Geschichte vom schwierigen Erwachsenwerden.
Hauptdarsteller Jamie Bell machte als tanzverrückter "Billy Elliot" (2000), einem Glanzstück des modernen britischen Kinos, nachhaltig auf sich aufmerksam. Mittlerweile zum jungen Erwachsenen gereift, steht er als "Hallam Foe" erneut im Mittelpunkt eines tragikomischen Plots um Sehnsucht und das Auseinanderbrechen der Familie. Dabei ist die eigentliche Katastrophe bei Filmbeginn schon längst passiert: Hallams Mutter ist vor zwei Jahren ertrunken, ein Unfall; genauer gesagt Selbstmord, wie sein Vater (Ciarán Hinds) dann (viel zu spät) beichtet. Der verwirrte Junge glaubt diese Version nicht, verdächtigt stattdessen die (goldgrabende?) Stiefmutter (Beauty als Biest: Claire Forlani) des Mordes. Schließlich war Papas Sekretärin schon lange vor dem Unglück dessen Geliebte.
An der Konstruktion eines emotional angeheizten Krimiplots liegt dem Schotten David Mackenzie ("Young Adam"), der zusammen mit Ed Whitmore das Drehbuch verfasst hat, wenig, umso mehr dafür an einer die Widersprüchlichkeit jugendlicher Erfahrung spiegelnden Stimmung. Denn Hallam ist (spätpubertärer) Voyeur, sehnt sich nach menschlicher Nähe und schreckt doch vor ihr zurück. Er ist einer, der das Beobachten liebt und Paare auch mal in abenteuerlicher Verkleidung erschreckt. Der Blick ist, bei ihm wie im Kino, Machtinstrument und Werkzeug zum Träumen zugleich. Als es physisch ernst wird, tritt er freilich die Flucht an. Ausgerechnet die Stiefmutter verführt den jungen Mann, was ihn vom ländlichen Herrensitz ins pulsierende Glasgow treibt, wo er in einem Hotel als Spüler unterkommt. In diesem Haus arbeitet das neueste Objekt seiner Begierde, die hübsche Kate (passend verführerisch: Kevin Reynolds' Isolde Sophia Myles), die seiner jungen Mutter zum Verwechseln ähnlich sieht - doch sie führt bereits eine Beziehung mit einem verheirateten Mann.
Um dunkle Geheimnisse und falsche Spuren geht es also, um Verbergung und Enthüllung. Ein klassischer Filmstoff, dem der Filmemacher einiges von seiner Schwere nimmt. Durch seinen superben, von temporeichem Britpop und Elektronik bestimmten Soundtrack etwa, der auf der Berlinale mit dem Preis für die beste Filmmusik belohnt wurde. Nun wäre die Evozierung des filmisch schon so oft durchgenommenen jugendlichen Lebensgefühls durch "Hallam Foe Dandelion Blow" (der In-Band "Franz Ferdinand") und all der anderen Stücke ein mehr als banaler Kniff, die Handlung in der Wirklichkeitserfahrung des Publikums zu erden - würde David Mackenzie nicht deutlich machen mit seinem Einfallsreichtum, der von der Erzählung bis in die Bildkomposition reicht, dass er mit derart naivem Realismus wenig am Hut hat. Er nimmt das Erwachsenwerden als Phase des Übergangs ernst, als Ineinander von Wunsch und Wahrheit - genauso wie das Kino. geh.