
Auch mit dem Nachfolger seiner Großstadtballade "Fallen Angels" beweist Wong Kar-wai, daß er gegenwärtig einer der aufregendsten Regisseure im Filmgeschäft ist. Für die Homosexuellen-Lovestory, inspiriert von Manuel Puigs "Buenos Aires Affair", verließ der Hongkong-Chinese erstmals seine Heimatstadt, um in Argentinien, vor allem in Buenos Aires, neue Ansatzpunkte für seine filmischen Fangblicke und seine existentialistische Sichtweise zu suchen und zu finden. Der Regiepreis in Cannes war denn auch eine Auszeichnung für einen Filmstil, dessen Wildheit und Rastlosigkeit sich jeglicher Kategorisierung entzieht.
Wie schon Wongs in Deutschland bekanntesten Filme, "Chungking Express" und "Fallen Angels", lebt "Happy Together" von bestechenden Momentaufnahmen, die von Kameramann Christopher Doyle in körnigen Weitwinkelbildern festgehalten und vom Regisseur im suggestiven Cutup-Verfahren aus einem dreistündigen Originalschnitt herausdestilliert wurden. Das Ergebnis ist ein verblüffend lineares Kammerspiel über zwei schwule Männer aus Hongkong, die in Argentinien ihr Glück suchen, sich trennen, wieder zueinanderfinden und schließlich doch getrennte Wege gehen. Die ursprünglich angekündigten Nebenhandlungen und Randfiguren hat Wong mit Ausnahme einer Episode mit einem idealistischen taiwanesischen Kid eliminiert, so daß sich der Fokus komplett auf die fast hermetisch abgeriegelte Welt der beiden Hauptfiguren richtet.
Nach einer ungestümen Eingangssequenz, in der Ho (Leslie Cheung aus "A Better Tomorrow" und "Lebwohl, meine Konkubine") und Lai (Tony Leung Chiu-wai aus "Hardboiled" und "Chungking Express") sich in einem heruntergekommenen Zimmer lieben, wird das homosexuelle Thema kaum mehr aufgegriffen. Vielmehr geht es in der fragmentarischen Geschichte, die von Verlust, Verlangen, Verzeihen, Liebe, Hass und Glück handelt, um universelle Themen, die sich dem Zuschauer mit eindringlichen Bildern und einem Mindestmaß an Dialogen (auch auf sein Markenzeichen, das illuminierende Voiceover, verzichtet Wong weitgehend) erschließen. Auf einen kurzen Reiseprolog, in dessen Verlauf sich das Paar off camera trennt, folgt der Schwerpunkt der Geschichte in Buenos Aires, wo der introvertierte Lai in einer Tangobar arbeitet, während sich Ho als Strichjunge durchs Leben schlägt. Als Ho schwer vermöbelt vor Lais Tür auftaucht, wechselt der Film von Schwarzweiß zu Farbe und schwenkt in ruhigere Fahrwasser ein, um die beiden beim Zusammenleben zu beobachten. Eine schwermütige Melancholie, unterstützt von Astor Piazzollas "Tango Apasionado", kennzeichnet die markanten Bilder, und weicht erst, nachdem sich die beiden endgültig getrennt haben und Lai wieder ins heimische Hongkong zurückgekehrt ist. Dort gibt Wong zu den Klängen des titelgebenden Turtles-Klassikers "Happy Together" noch einmal Gas - deutlich merkt man auch ihm die Freude an, wieder in vertrauter Umgebung zu drehen. Ein würdiger, fulminanter Abschluß für einen Film, der stets nur seinen Gefühlen und Instinkten zu trauen scheint und so dem Zuschauer ein völlig neues Filmerlebnis zwischen Experiment und Wohlvertrautem beschert, dessen Bilder noch lange nachwirken, auch wenn die Handlung nur eine Marginalie ist. ts.