
Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein im jüngsten Film des 75jährigen Kinoveteranen Lewis Gilbert, dessen letztes Projekt "Stepping Out" in Deutschland zu Unrecht in die Videotheken verbannt wurde. "Haunted", die Verfilmung eines Romans von Englands Schreckensfürsten James Herbert (dt. "Besessen"), ist ein liebenswerter cineastischer Anachronismus. Ein altmodischer Grusler mit dem Charme einer Geisterbahn, den Kameramann Tony Pierce Roberts mit stimmungsvollen, farbsatten und plastischen Bildern der englischen Countryside veredelt hat. Ein geheimnisvoller Landsitz, dunkle Korridore, flackernde Gaslampen, im Wind schlagende Fenster, abgesperrte Zimmer - nichts aus der Gruselkiste der Gothic Novel fehlt in diesem leicht verstaubten, aber unterhaltsamen Ausflug in die Welt der Geister. Keine freundliche Welt à la "Casper", wie "Haunted" in einer brillanten Eröffnung verrät. Durch verzerrten Fokus wird aus dem Bild einer Frau eine geisterhafte Gestalt, die den Tod im Gesicht trägt. Ein visuelles Omen für den tragischen Verlust ihrer kleinen Tochter, die beim Spielen mit dem Bruder in einem See ertrinkt. Jahre später ist David Ash (Aidan Quinn), der mittlerweile erwachsene Bruder, in Oxford Spezialist für übersinnliche Phänomene. Seine diesbezügliche Skepsis wird kuriert, als er auf einen einsamen Landsitz gerufen wird, wo die alte Haushälterin von bösen Geistern terrorisiert wird. Von filmischen Gruselklassikern wie "Der unheimliche Gast", "Bis das Blut gefriert" oder "Schloß des Schreckens" vorgewarnte Zuschauer ahnen erheblich schneller als der naive Bücherwurm, was im Jahre 1925 faul ist im Umfeld dieses Anwesens, auf dem die hübsche Gutstochter (Kate Beckinsale aus "Geheimnisse") vor ihren Brüdern und dem Gast mit ihrer Nacktheit kokettiert. Obwohl also gewisse Überraschungsmomente und auch wirklich eisige Sequenzen der großen Vorbilder fehlen, bietet "Haunted" allen Freunden des sich mit Lust zum Altmodischen bekennenden Grusels gepflegten Schrecken ohne traumatischen Terror. Auf den Volksfesten dieser Welt vermag die Geisterbahn gegenüber modernster Konkurenz noch immer ihren Platz zu wahren. Ob diese Atmosphäre aber auch im High-Tech-Kino noch auf genügend Resonanz stößt, wird erst der November zeigen, der als Monat des Verfalls den idealen Rahmen für diese Geschichte aus dem Reich der Toten liefert. kob.