
Margarethe von Trotta entführt auf eine Reise in gefährliche Tiefen menschlichen Unterbewusstseins. Weltpremiere feiert das Drama mit Katja Riemann als eine in dunkle Leidenschaften verstrickte multiple Persönlichkeit in Toronto.
Nach ihrem Erfolg von "Rosenstrasse" überrascht Margarethe von Trotta mit einem völlig anderem Genre, einer Mischung aus Melodram und Psychothriller, Liebes- und Familiengeschichte. Im Mittelpunkt die schillernde multiple Persönlichkeit einer Frau, die in zwei Gegenwelten lebt - als arrivierte Anwältin Dr. Carolin Winter und als "Belle de Nuit" Carlotta, die mit wildfremden Männern ins Bett steigt. Die Ambivalenz dieser Frauengestalt wurde von dem vor zwei Jahren gestorbenen Peter Märthesheimer entwickelt, der seine Nähe zu Fassbinder und dessen Frauenbild nicht verleugnen kann, schuf er doch als Drehbuchautor Figuren wie Veronika Voss, Lola oder Maria Braun. Auch hier ist die Heldin eine Frau mit geheimnisvoller Aura, der ein Mann rettungslos verfällt.
Die erste Begegnung zwischen dem Starnberger Ingenieur Robert Fabry (August Diehl) und der blonden, scheinbar käuflichen Lady in Red ist alles andere als romantisch. Bevor der Page die aufdringliche Person mit billiger Perrücke aus der Lobby werfen kann, hilft er ihr charmant aus der Klemme und begrüßt sie spontan als alte Bekannte. Sie fragt ihn direkt, ob er sie kaufen will und auf dem Bett hingestreckt, heißt es geschäftsmäßig "Nackt kostet extra". Nach einer heißen Liebesnacht verschwindet sie ohne den Liebeslohn. Nur wenige Stunden später der Schock: in der Anwaltskanzlei sitzt ihm genau diese Dame als unnahbare Dr. Carolin Winter im braven Kostümchen gegenüber und bearbeitet souverän seinen Vertrag. Als er sich ihr nach einem Candlelight-Dinner sexuell nähert, ergreift sie weinend die Flucht. Robert Fabry weiss, er muss diese Frau wieder sehen. Aber er ahnt nicht, in welch tödliche Gefahr er gerät. Wie ein Puzzle setzt Margarethe von Trotta die einzelnen Teile des komplexen Charakters zusammen, ohne ins Psychologisieren zu verfallen oder ein medizinisches Fallbeispiel zu entwerfen. Katja Riemann überzeugt als Frau mit Doppelleben bzw. Tripleleben - sie ist "die Andere", als kühle Karrierefrau, vulgäre Hure, unterwürfige Tochter und bei dem Mann, der sie liebt, das ängstliche kleine Mädchen. Angst essen Seele auf. Carolin/Carlotta sind zwei Seiten einer Medaille. Je mehr sich Carolin an die Liebe klammert, um der dunklen Vergangenheit zu entgehen, um so mehr interveniert ihr dominanter, an den Rollstuhl gefesselter Vater (Armin Mueller-Stahl), torpediert die Beziehung und demütigt den "Konkurrenten" um die Gunst der Tochter, deren Zuneigung weit über die "normale" Tochterliebe hinausgeht.. Ihr Befreiungsschlag misslingt, trotz wahnwitzigem Wunsch nach Glück. Kein Lächeln liegt über dieser düsteren Familie. Mit unerwarteter Wucht lässt von Trotta die inneren Dämonen sich als stärker erweisen, ihre Protagonistin im Machtdreieck durch ein Minenfeld der Gefühle taumeln und den Zuschauer in klirrender Seelenkälte zurück. Die "typische" von Trotta sucht man hier vergebens, die neue von Trotta irritiert und fasziniert durch den Zusammenprall von Obsession und Destruktion in einem fassbinderischen Imperium. Auch sie ist diesmal "die Andere". mk.