
Linklater meets Welles: Zwei Monomanen, zwei Leinwandzauberer und ein Film über das Theater, getragen von Christian McKay als Wiedergänger des Kinogenies.
"Dazed and Confused", "Before Sunrise", "Die Newton Boys", "School of Rock", "Die Bären sind los"... Slacker-Ode, Liebesfilm, Western, Komödie, Kinderspaß... Richard Linklater, Regie-Independent im Geiste von John Cassavetes, US-Dogmatiker und auteur. Geboren in Houston, Texas, der Cowboy unter den Filmemachern, sattelfest in allen Genres. Ein genialischer Künstler, der sich ungern (Kino-)Regeln beugt - wie ein anderes enfant terrible des Films: Orson Welles. Dem erweist er nun in "Me and Orson Welles" seine Referenz - dem Welles vor dessen Hörspielsensation "Krieg der Welten" (1938), vor dem cineastischen Meilenstein "Citzen Kane" (1941). Eine Hommage an den Künstler als junger Mann.
Die eigentliche Hauptperson ist aber das "Ich" des Titels. Ein Alterego von Linklater vielleicht, ein 17-jähriger namens Richard Samuels der im New York des Jahres 1937 der Großen Depression entfliehen will und von einer Broadway-Karriere träumt. Der Zufall und seine gute Stimme verhalfen ihm zu einem kleinen Part in der "Mussolini"-Inszenierung von "Julius Caesar", jener legendären Produktion des Mercury Theatre, die Welles' Ruf begründete und die US-Bühnenkunst revolutionierte. Den Lucius soll Richard spielen, neben dem Meister als Brutus und Joseph Cotten als Publius, während Produzent John Houseman (fast) an den Launen und Wünschen seines exzentrischen Stars zerbricht.
Das Leben ist für den 22-jährigen Welles Bühne, für den Selbstdarsteller fällt der Vorhang nie. Nach der Show ist vor der Show, die gesamte Truppe sein Eigentum. So auch Sonja, seine ihm ergebene Assistentin, auf die er trotz schwangerer Ehefrau ein Auge geworfen hat - wie Richard, der von Liebe träumt und einige bittere Lektionen lernen muss - über das Zwischenmenschliche und die Kunst. Mit traumwandlerischer Sicherheit führt Linklater sein Ensemble, allen voran Christian McKay als Welles, der den Kinomonomanen in Stimme und Gestus brillant imitiert, gefordert von Zac Efron als Zauberlehrling, der beweist, dass er weit mehr kann, als nur sein Aussehen in "High School Musicals" zur Schau zu stellen.
Auf dem Roman von Robert Kaplow basiert das Drehbuch von Vincent und Holly Gent Palmo, dessen Kniff darin besteht, das Genie Welles durch die Augen eines unschuldigen Teens - der einzigen fiktiven Figur der Vorlage - zu zeigen. Naiv ist der Blick, leicht- und gutgläubig, und die Welt noch ein einziger Abenteuerspielplatz. Und zwischen sorgfältig gestalteten Kulissen und einem ansehnlichen period pic-Produktionsdesign (Laurence Dorman) lernt man viel darüber wie Theater funktioniert, dass Liebe oft mit Macht zu tun hat und Claire Danes als Sonja im wahrsten Sinn des Wortes eine "Stage Beauty" ist. geh.