
Caroline Link hat nichts verlernt in sieben Jahren Regie-Pause. Sie versteht es, aus Schauspielern das Beste herauszuholen und wie bereits bei "Jenseits der Stille" oder "Nirgendwo in Afrika" ein ernstes Thema mit Gefühl aufzuladen, ohne dabei in Gefühlsduselei zu verfallen. Bei ihrem erwachsenen Melodram, der freien Adaption von Scott Campbells "Aftermath", geht es um Trauerarbeit - für die optische Umsetzung besonders reizvoll - über die Kunst.
Das bayerische Urgestein Josef Bierbichler spielt einen zurückgezogen auf dem Land lebenden Maler, umgeben von seinen realistisch-prägnanten Porträts in seinem Atelier (die tatsächlich von Florian Süssmayr stammen). Er erhält Besuch von Corinna Harfouch als Architektin, um ein Doppelporträt ihrer beiden erwachsenen Kinder anfertigen zu lassen. Doch nur ihre Tochter Lilli (Karoline Herfurth in ihrer wohl besten Performance) kann Modell stehen, weil der Sohn vor einigen Monaten gestorben ist. Er hat sich umgebracht, wie der Maler erst durch die widerspenstige Lilli erfährt. Mit diesem Todesfall, der sich im Winter, wenn das Porträt fertig sein soll, jährt, und den daraus resultierenden Schuldgefühlen hat sich die Familie nicht ernsthaft und nicht offen untereinander auseinandergesetzt. Vater (gewohnt gut: Hanns Zischler) und Mutter haben sich stattdessem in ihre berufliche Karrieren , Lilli in Partys und Affären gestürzt, etwa mit Misel Maticevic als Gegenkünstlertyp zu Bierbichlers Maler. Wie ihre Es-geht-mir-gut-Fassade zusammenbricht und echte Trauerarbeit einsetzt, beschreibt eindrücklich der nie larmoyante Film. Den Fokus legt Link dabei auf die Schilderung der Beziehung zwischen Lilli und dem Maler, ihre gegenseitige Faszination und langsame Annäherung. Im Zuge derer wird auch der Maler gezwungen, sich seinen persönlichen Problemen zu stellen. Die Schauspielerauswahl mag zuerst ungewöhnlich anmuten, funktioniert aber beeindruckend gut. Die Szenen nur mit den beiden sind der Höhepunkt des Films, Bierbichler nimmt sich zurück, Herfurth wächst über sich hinaus. Ihr verbaler Schlagabtausch ist perfekt getimt, witzig und ätzend, es gibt natürlich auch zärtliche Momente, etwa wenn sie Tangomusik hören und er von ihr Tanzen lernen will. Sie studiert Tanz, den sie schließlich auch als Ausdrucksmittel ihrer Gefühle für sich entdeckt. Nicht alle Nebenhandlungen können auf diesem hohen Niveau mithalten. Manche Gefühlsausbrüche, Entwicklungen mögen nicht frei von Klischees sein. Aber man nimmt dem Film und seiner Regisseurin stets die Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit ab, mit dem das Thema behandelt wird. Mit Kamera-
frau Bella Halben findet Link anmutige, passende Bilder. Halben benutzt eher dunkle, warme Töne im Atelier, zeigt vereinzelt sogar verspielte Leichtigkeit - etwa, wenn sie beim Schwim-
men durch ein Gummitier filmt. Eine besonders schöne und hoffnungsvolle Anfangs- und Schlussbildsequenz ist der unbeschwerte Tanz bei Schneefall, am Anfang des Bruders, am Ende der Schwester. Niki Reisers Musik trägt das ihre dazu bei, den Zuschauer emotional zu packen, ohne ihn zu manipulieren. Durch das Thema Kunst und die ausgefeilten Dialoge entsteht genau das Quäntchen Künstlichkeit und eine gewisse Distanziertheit, um der Kitschfalle zu entgehen. hai.