
Sienna Miller und Steve Buscemi liefern sich im psychologisch-prickelnden Remake von Theo van Goghs Film aus dem Jahre 2003 mehr als heiße Wortgefechte.
Sex, Lügen und Video. Steve Buscemi (führt auch Regie) steigt in die Fußstapfen des von einem fanatischen Moslem ermordeten holländischen Filmemachers Theo van Gogh. "Interview" gehört zum Projekt "Drei mal Theo", dem noch Remakes von "06" (Bob Balaban) und "Blind Date" (Stanley Tucci) folgen. Bei der Trilogie wird van Goghs unorthodoxe Aufnahmetechnik verwendet, drei digitale Kameras, von denen eine sich jeweils auf die beiden Hauptdarsteller fokussiert, während die dritte das Gesamtgeschehen aufzeichnet - was nicht nur eine Menge Material bringt, sondern auch die Möglichkeit eines sehr kompakten Schnitts. In diesem brillanten Kammerspiel werfen sich Sienna Miller und Steve Buscemi die Bälle zu. Statt in Washington den Skandal des Jahres zu recherchieren wird Pierre Peders dazu verdonnert, mit dem B-Starlet Katya zu reden. Die langbeinige Blonde, bekannt für Brustverkleinerung und Bettgeschichten, kommt eine Stunde zu spät und der in den Kriegen der Welt gestählte Reporter zeigt demonstrativ sein Desinteresse. Das Interview platzt. Doch nach einem Auffahrunfall mit dem Taxi verarztet Katya den an der Stirn verwundeten Journalisten in ihrem Loft mit einem Beutel Tiefkühlerbsen. Bei Scotch, Wein und anderen Stimulanzen schaukelt sich die Situation hoch, sie streiten, küssen und versöhnen sich, belauern einander und aus einer Laune oder Berechnung heraus gewährt die lockere Lady ihrem Gegenüber doch ein Interview. Persönliche Tragödien, dunkle Geheimnisse, intime Geständnisse, beide legen die Karten auf den Tisch und schenken sich nichts. Zicke und Zyniker starten ein perfides Spiel um Scham und Gefühl. Während sich die Protagonisten in ein Netz von Wahrheit und Lüge verstricken, bleibt die spannende Frage nach Gewinner oder Verlierer bis zur letzten Minute offen. Dabei laviert die Story, in der einige Referenzen an van Gogh erinnern, geschickt zwischen Täuschungen und Enttäuschungen, falschen Erwartungen und Vorurteilen. Ein rasanter Ritt durch die Sollbruchstellen des Lebens, bei dem Sienna Miller es schauspielerisch mit Buscemi aufnimmt, ihre gekonnte Mischung aus Dummchen und klugem Köpfchen kokett mit einer Prise Paris Hilton verziert. So sammelt sie gegen Ende Sympathiepunkte, während sich ihr emotionaler Sparring-Partner in diesem knisternden Match zweier Egos als charakterlos erweist. Auch eine bitterböse Abrechnung mit der Celebritiy-Kultur. mk.