
Nach der Buchvorlage von Jon Krakauer zauberte Sean Penn einen rauschartigen Abenteuerfilm über die Suche eines jungen Mannes nach sich selbst.
Christopher McCandless war 22 Jahre alt, ein Modellathlet und hervorragender Schüler, als er 1990 nach seinem Studienabschluss seine Ersparnisse verbrannte, sein bisheriges Leben hinter sich ließ und spurlos verschwand. Zwei Jahre später wurde sein Leichnam von Wanderern in einem verlassenen Bus in der Wildnis von Alaska gefunden. McCandless war zwei Wochen zuvor verhungert, nachdem er giftige Beeren gegessen hatte, die ihn paralysierten. Schriftsteller Jon Krakauer ("Into Thin Air") begab sich für seinen Tatsachenroman "In die Wildnis" auf Spurensuche, sammelte Postkarten und Briefe McCandless', sprach mit Bekannten und Freunden und wertete seine bisweilen kyrptischen Tagebucheinträge aus, um die Leerstellen aufzufüllen und die Reise einer getriebenen Seele durch Amerika nachzuzeichnen. Diese Spurensuche mit ihrem skelettartige Gerüst von Vermutungen und Überlegungen füllt Sean Penn in seiner vierten Regiearbeit mit Leben: Mit seinem Team folgte er sklavisch der Marschroute McCandless', ließ seinen herausragenden Hauptdarsteller Emile Hirsch förmlich mit dem Protagonisten verschmelzen und sammelte auf dem Trip von Kalifornien über den Grand Canyon, Mexiko und Washington bis nach Alaska atemberaubende Filmaufnahmen, in denen sich Fiktion und Realität fast nicht trennen lassen: Es ist ein Abenteuerfilm voller Sturm und Drang, über Selbstfindung und Eigenverantwortung, ein Reisetagebuch, das McCandless' Lieblingsschriftstellern Tolstoi, London und Kerouac jederzeit gerecht wird wie auch W. H. Davies' "Supertramp - Autobiographie eines Vagabunden", dessen Titel der junge Mann als Inspiration für den Namen nimmt, mit dem er sich den Menschen auf seiner Wanderschaft vorstellt: Alexander Supertramp. Natürlich ist der schwärmerisch und literarisch in Kapitel aufgeteilte Selbstfindungstrip auch das elegische und zunehmend bittere Porträt eines anderen Amerika voller Ideale und echten Typen, das verloren zu gehen droht. So lernt McCandless ein rastloses Drifter-Paar kennen, zwei ausgeflippte Skandinavier, den überschwänglichen Vorarbeiter einer Farm, der vom FBI gesucht wird, eine süße Hippie-Nymphe und schließlich einen einsamen Witwer. Alle schließen den Jungen ins Herz, alle strecken ihm die Hand aus. Allen stößt Chris vor den Kopf, der seinen Weg gehen muss, auch wenn es sein Verderben bedeutet. In rauschartige Bilderkaskaden und bewegende Folksongs von Eddie Vedder verpackt, ist "In die Wildnis" durch und durch wild, rebellisch, unangepasst - ein Film, der einen gefangen nimmt und nicht mehr loslässt, bis zum bitteren Ende. ts.