
Sängerin Marianne Faithfull glänzt in einem urkomischen modernen Märchen als wächserne Witwe, die sich im Sexbusiness von Soho freischwimmt.
In der britischen Tradition von "Calendar Girls", "Ganz oder gar nicht" und "Brassed Off" gelingt dem belgischen, in Deutschland geborenen Regisseur Sam Gabarski ("Der Tanz der Rashevskis") mit seinem zweiten Spielfilm eine teils zu Lachstürmen hinreißende, warmherzige Komödie aus dem Rotlichtmilieu. Ausgerechnet hier, im eigentlich stahlharten Sexbusiness made in London, sucht die unscheinbare Witwe Maggie (Marianne Faithfull) das schnelle Geld, um eine Operation für ihren todkranken Enkel zu finanzieren. Was sie im Club "Sexy World" in Soho euphemistisch als "Hostess" deutet, stellt sich als Job für einfühlsame Frauenhände heraus, die mit Gleitmitteln am "Gloryhole" gierige männliche Glieder im Akkord gründlich und im Minutentakt zum Guss bringen. Maggie wird zur Virtuosin der Handarbeit, ohne dass die Kunden ahnen, wer sich hinter Trennwand und Künstlername "Irina Palm" verbirgt. Mit Kittelschürze, Kleenex, Kaffeekanne und Kitschbild in der Kabine macht die "wanking widow" Maggie aus einem nackten Dienstleistungsbetrieb eine Karikatur des bürgerlichen Küchenmilieus.
Marianne Faithfull gehört der Film, sie wurde auf der Berlinale die Königin der...Herzen. Fantastisch, wie sie sich, je erfolgreicher sie wird, eine befreundete Kollegin (Dorka Grylus, Shooting Star 2005) arbeitslos macht und unglaublich viele Pfunde ansammelt, aus ihrer Herkunft freischwimmt. Der gebückte Gang der anfangs alten Schachtel wird zielbewusst, der fast ständig gesenkte Blick wagt die aufrechte Konfrontation mit den Bridge-Freundinnen, denen bei der Enthüllung von Maggies Geheimnis die Kinnladen herunterklappen, und - man glaubt es nicht - beinahe wird Maggie abgeworben. Mindestens so grandios wie Faithfull spielt der aus Filmen von Emir Kusturica ("Underground") bekannte Miki Manojlovic als gutmütiger Clubbesitzer, der sich in die Oma im zweiten Frühling, die sich Respekt und einen Penisarm erarbeitet, verliebt. Am Ende der zärtlichen Erweckung eines alten Mädchens steht ein Kuss - und die Gewissheit, dass das moderne Märchen auch vor der Wand sein Publikum finden wird. ger.