
Dominik Moll begibt sich in "Lemming", Eröffnungsfilm des Festival de Cannes 2005, mit einem surrealen Thriller mitten in die Albtraumwelten eines David Lynch.
Dominik Molls Regie-Erstling "Harry meint es gut mit dir", der Sergi Lopez in Cannes 2000 den Darstellerpreis einbrachte, ist das Sprungbrett für "Lemming". Zunächst empfiehlt er sich gleichfalls als Psychothriller mit pechschwarzem Humor sowie Anleihen bei Hitchcock und sogar Tati (der Fluch der Technik!), um dann aber nach einer überraschenden Plotentwicklung wilde Volten zu schlagen und mit einer zunehmend surrealen Note und kontrolliertem Wahnsinn auf eine Katastrophe zuzusteuern. Tempo und Nachvollziehbarkeit dieses Albtraums über ein junges harmonisches Paar, das von einem streitbaren älteren Ehepaar vereinnahmt wird, spielen bei dem Eintauchen in die verstörenden Albtraumwelten eines David Lynch bald nur noch eine untergeordnete Rolle, aber dank des Spiels des brillanten Quartetts Laurent Lucas, Charlotte Gainsbourg, André Dussollier und Charlotte Rampling belibt dieser Psychotrip von Anfang bis Ende elektrisierend.
In den Mittelpunkt rücken immer wieder die titelgebenden Lemminge, jene in Skandinavien lebenden, dem Hamster ähnlichen Nager, denen - fälschlicherweise, wie der Film behauptet - nachgesagt wird, sie hätten einen Hang zum Massenselbstmord. Zum einen gibt es hier einen tatsächlichen Lemming, den der erfolgreiche junge Ingenieur Alain Getty in seinem neuen Zuhause als Ursache für eine verstopfte Wasserleitung entdeckt, ohne dass sich jemand erklären könnte, wie der kleine Kerl nach Südfrankreich, geschweige denn in das Rohr kommen konnte. Zum anderen übernimmt die von Charlotte Rampling gespielte Alice Pollock in der verblüffend raffiniert gesponnenen Geschichte gewissermaßen die Rolle des Lemmings. Mit ihrem Mann Richard, Alains Chef, wird sie von den Gettys zum Dinner eingeladen. Sofort ist klar, dass der Abend nur schief laufen kann. Die glücklichen, aufrichtig ineinander verliebten Gettys auf der einen, die einander überdrüssigen Pollocks auf der anderen Seite. Als Alice ihren Gatten der Vielweiberei und Herzlosigkeit bezichtigt, setzt sie eine, wie sich später herausstellt offensichtlich geplante, Kette von Ereignissen in Bewegung, die den Gettys nach und nach den Boden unter den Füßen wegzieht. Wenig später versucht Alice, Alain spätabends im Büro zu verführen, und erzählt seiner Frau Benedictine am nächsten Tag davon. Das reicht aus für die Saat des Zweifels, doch Alice geht in ihrer Rache noch weiter, so weit gar wie die ultimative Femme fatale Gene Tierney in John M. Stahls Technicolor-Noir "Todsünde" aus dem Jahr 1945: Ihr Selbstmord setzt eine Kette von Ereignissen in Bewegung, die noch unzulänglich beschrieben sind. wenn man sie völliger Wahnsinn nennt. Alldieweil überfluten immer noch mehr Lemminge das Haus der Gettys. Verblüffend ist, wie es Dominik Moll, seinen vermeintlich völlig aus dem Ruder gelaufenen Film zu einem nachvollziehbaren Ende zu bringen und sogar viele der offenen Fragen zu beantworten. Warum er es allerdings vorzog, seinen brillant inszenierten Geschlechterkrieg aufzugeben und die Abzweigung ins Surreale zu wählen, bleibt sein Geheimnis. Und das ist allemal faszinierend. ts.