
Selten und daher umso erfreulicher: Matt Reeves' englischsprachiges Remake des schwedischen Überraschungserfolgs "So finster die Nacht" von 2008 steht dem Original in keinster Weise nach.
Die Angst war groß: Wenn sich Hollywood nur zwei Jahre nach einem fremdsprachigen Original den Stoff zueigen macht, ist das Ergebnis in den meisten Fällen verwässert, die Kanten sind abgeschliffen, die eigentliche Qualität der Vorlage bleibt auf der Strecke. Wenn es sich bei dem Original überdies um einen so überragenden Stoff wie Thomas Alfredsons kultisch verehrten "So finster die Nacht" handelt, die schwedische Verfilmung eines Jugendbuchs von John Ajvide Lindqvist über einen von der Außenwelt isolierten und seinen Mitschülern gepeinigten Zwölfjährigen, der eine folgenschwere Allianz mit einem Vampir in Mädchengestalt eingeht, ist das Desaster vorherprogrammiert, will man meinen. Man muss keine Sorge mehr haben: "Let Me In" ist eine wunderbare, streckenweise herausragende Ergänzung zur Vorlage. Reeves hat offenbar verstanden, was die Geschichte ausmacht, was sie zu einem zeitlosen Film über die Ängste des Erwachsenwerdens macht - und zugleich einer genüsslich perversen Liebesgeschichte.
Im Grunde behält der Regisseur, der sich zuletzt mit "Cloverfield" nach fast zwölfjähriger Pause auf der Leinwand zurückgemeldet hatte, den szenischen Aufbau bei, teilweise wählt er sogar die identische Bilderabfolge, wenn er den Eindruck hatte, man könne es nicht besser machen. Gleichzeitig drückt er dem Film seinen eigenen Stempel auf, verankert die Geschichte in der amerikanischen Realität des Reagan-Amerikas, inklusive eines perfekt gewählten Soundtracks, der mit Songs wie "Do You Really Want to Hurt Me" oder "Doot-Doot" oftmals mehr erzählt, als viele Worte es jemals könnten.
Dabei wird man in der ersten Szene zunächst auf eine falsche Fährte gelockt: Mit Rotlicht und Sirenen bahnen sich darin Ambulanzen und Polizeiwägen den Weg durch das nächtliche New Mexico. Sie liefern einen älteren Mann im Krankenhaus ab, der sich selbst das Gesicht mit Säure verätzt hat. Noch bevor es einem einsam ermittelnden Polizeibeamten gelingt, ihn zu befragen, stürzt sich der Mann aus dem Fenster in den Tod. Sofort ist offenbar, dass Reeves' Version mehr ein Genrefilm mit betonten Spannungselementen sein wird als sein Vorgänger, der trotz seiner drastischen Horrormomente doch immer ein Jugendfilm mit einem ganz besonderen Dreh war. "Let Me In" legt einen etwas stärkeren Fokus auf den älteren Begleiter des Vampirs, hier gespielt von Richard Jenkins, der gleich zu Beginn auch als tragische Figur etabliert wird: Die Dinge, die wir aus Liebe tun - das zentrale Thema des Films - wird schnell etabliert. Und bestimmt auch die Handlungen der beiden jugendlichen Helden, die Reeves noch stärker in den Mittelpunkt rückt und geschickt von ihrer Außenwelt isoliert, indem er die Erwachsenen um sie herum fast komplett ausblendet - nicht ein einziges Mal bekommt man das Gesicht von Owens Mutter zu sehen. Kodi Smit-McPhee ("The Road") und Chloe Moretz ("Kick-Ass") sind herausragend in ihren Rollen als Abby und Owen, machen den Schmerz ihrer Existenz auf subtile Weise sicht- und ihre gegenseitige Abhängigkeit voneinander spürbar. Gleichzeitig ist "Let Me In" nie, wie befürchtet worden war, weichgespült: Matt Reeves scheut nicht vor den harten, drastischen Szenen zurück und wahrt auch die Ambivalenz, was Begriffe wie Gut und Böse anbetrifft: Was hier geschieht, so grausam es auch sein mag, geschieht aus Liebe. ts.