
Der britische (Nachwuchs-)Regisseur Joel Hopkins gewährt Emma Thompson und Dustin Hoffman einen zweiten Frühling.
Nein, das Leben meint es nicht gut mit Harvey (Dustin Hoffman) und Kate (Emma Thompson): Er ist um die 60, Komponist von Werbejingles und schwer unter Druck. Der in Computern und Synthesizern versiertere Nachwuchs macht ihm zu schaffen, sehr bitter, hat er doch einst seinen Traumberuf Jazzpianist dem Brotberuf geopfert. Eine letzte Chance räumt ihm der Chef ein und ausgerechnet da muss der New Yorker nach London, zur Hochzeit des einzigen Kindes. Eigentlich ein freudiges Ereignis, wäre da nicht die entfremdete Ex (Kathy Baker) nebst virilem Zweitmann (James Brolin) und der Beschluss der Tochter, lieber vom Stiefvater zum Traualtar geführt zu werden. Sie geht auf die 50 zu, führt am Flughafen Heathrow Passagierumfragen durch, schlägt sich mit versteinertem Lächeln durch peinliche Blind Dates und wird von ihrer Mutter (Eileen Atkins) via Handy nonstop terrorisiert.
Doch bei allen Schwierigkeiten werden diese beiden zusammen kommen, wenn auch erst durch "Liebe auf den zweiten Blick". Denn das erste Treffen verläuft wenig harmonisch und gibt den Ton vor. Zwischen Witz und Ernst, zwischen Herz und Verstand pendelt die romantic comedy für best ager, die der britische Regisseur und Drehbuchautor Joel Hopkins ganz auf seine beiden Protagonisten zugeschnitten hat. Zum zweiten Mal nach "Schräger als Fiktion" arbeiten Thompson und Hoffman zusammen, treiben sich gegenseitig zu Bestleistungen und sind sichtlich mit Spaß bei der Sache. Er, der "Little Big Man", redet einmal mehr um sein Leben, gibt ganz "Marathon Mann" niemals auf. Sie beweist "Sinn und Sinnlichkeit" und fragt sich, ob es "Tatsächlich ... Liebe" ist. Beim zweiten Aufeinanderstoßen im leeren Flughafenrestaurant geraten die Dinge in Schwung. Harvey kippt ob des Ärgers mit der verpatzten Eheschließung einen Whisky nach dem anderen, zwingt Kate ein Gespräch auf, während sie krampfhaft versucht, ihren Roman zu lesen. Keine unbedingt neue Szene, aber höchst erfrischend, weil die beiden Oscar- und Golden Globe-Sieger sie mit lässiger Nonchalance meistern.
"Last Chance Harvey", so der Originaltitel, wittert seine Chance, hofft. Nun heißt es: "Before Sunrise". Aus dem ersten Gespräch wird ein Spaziergang, aus dem Spaziergang ein Einkaufsbummel, aus dem Einkaufsbummel doch noch der Besuch der Hochzeit. Im Zeitalter des Internet-Dating ist es herrlich zuzusehen, wie sich zwei Menschen ganz altmodisch verlieben, wobei man streckenweise sogar ein wenig an Paddy Chayefskys Klassiker "Marty" erinnert wird. Schüchtern fast beginnt Kate aufzublühen, setzt sich erstmals sanft gegen die nervtötende Mama zur Wehr. Derart angespornt traut sich Harvey weiter vor, ein wenig zu forsch vielleicht, denn da spielt ihm seine angeschlagene Gesundheit einen Streich. Was zum dramatischen Höhepunkt des Films führt, wieder ganz konventionell, ganz nach Schema F. Altmodisch fast und doch anrührend, weil irgendwie höchst authentisch. Wie die schlichten, sachlichen London-Bilder von Kameramann John De Borman ("Ein Haus in Irland") und die unaufgeregte Musik von Dickon Hinchliffe ("Married Life"). Ein geistreicher, gut geschriebener und umgesetzter slowburner in Sachen Herzschmerz. geh.