
"Eine Studie für ein Porträt von Francis Bacon" nennt Regisseur und Drehbuchautor John Maybury seinen sehr subjektiven Film über einen Abschnitt im Leben des berühmten und berüchtigten britischen Malers Francis Bacon (1909-1992). Die Beziehung zwischen Künstler und Modell, eine komplexe schwule Bindung und Abhängigkeit, die gegenseitige Attraktion von Oberschicht und Arbeiterklasse schillert Maybury als ein fatales Duell zweier ungleicher Partner im Zeichen von Sadomasochismus und sozialen Gegensätzen. Eine glänzende Besetzung mit Derek Jacobi als Francis Bacon und Daniel Craig als George Dyer gibt dem Film eine oft schräge, spannende Intimität.
Für einen Debutfilm setzt John Maybury erfreulich hohe Ansprüche, vor allem an sich selbst. Er stützt sich auf Daniel Farsons Bacon-Biographie "The Gilded Gutter Of Francis Bacon" und hat sich von diesem engen Freund des Malers auch beraten lassen, ihm sogar eine kleine Nebenrolle gegeben. Maybury kommt aus der Schule Derek Jarmans, hat "The Last of England" und einen Teil von "War Requiem" geschnitten, war Kostümbildner und Ausstatter für den Punkfilm "Jubilee". Er arbeitet kontinuierlich mit Tilda Swinton zusammen, hat deren Performances auf Video dokumentiert. Die fabelhafte Schauspielerin hat leider nur eine sehr kleine Rolle in diesem Film.
Die Liebe ist der Teufel - wie ein Fluch begleitet dieser Gedanke den Maler Bacon, seitdem der kleine Ganove George aus Londons East End durchs Oberlicht in sein Atelier gefallen ist. Statt den Einbrecher der Polizei zu melden, macht der Künstler ihn zu seinem Liebhaber. Mit einem Blick hat er die physische Sinnlichkeit des jungen Mannes aus der Gosse entdeckt. Es ist diese Mischung aus Moral und Unschuld, die ihn anzieht. Und George entdeckt eine ihm fremde Welt der Boheme, Künstler, Literaten, Lustknaben, vornehmlich im schrägen Ambiente der Szene-Bar "Colony Room". Es sind die sechziger Jahre des Swinging London, in denen sich Kunst- und Halbwelt abenteuerlustig miteinander mischten.
Maybury zeigt diese Kneipengesellschaft vielleicht ein bißchen zu ausführlich und demonstrativ. Die Stärke seiner Inszenierung liegt eindeutig mehr bei den privaten Szenen, die von leidenschaftlich intensiver und glücklicher Intimität mit der Zeit und der Gewöhnung zum Psychoterror werden. Bacon wechselt sein emotionales Verhalten von zärtlich zu kaltherzig zynisch - George kann damit nicht umgehen, greift zum Alkohol und Drogen, macht den ersten Selbstmordversuch. Dem Lebemann Bacon geht sein Lover allmählich auf die Nerven - der Maler Bacon aber will ihn als Modell weiter haben, seine Qual und Verzweiflung in Bildern feiern. Mit ihm findet er tatsächlich weltweite Anerkennung, die 1971 erstmals in einer großen Ausstellung in Paris sichtbar wird. George kann und will diesen Triumph, der ihn zum Objekt der Begierde degradiert, nicht mehr erleben. Er quält sich ein letztes Mal mit zuviel Alkohol und Tabletten, ganz unpathetisch und unheroisch, einfach ausweglos.
John Maybury erweist sich als sehr atmosphärischer Erzähler, auch wenn er noch ein paar Probleme mit dem Rhythmus eines abendfüllenden Spielfilms hat. Dafür atmet "Love Is The Devil" die unroutinierte Independent-Frische des Experimental-Charakters. Künstler, Bacon- und Kunst-Freaks, denen Menschen wichtiger als Spezialeffekte sind, können an diesem Film Gefallen finden. fh.