"Ohne Unterlass auf die Zwölf"
15 Jahre nach "Mary Shelley's Frankenstein" hat sich der Brite Kenneth Branagh als Regisseur erstmals wieder nach Hollywood gewagt - und dann gleich für die Megaproduktion "Thor", die den Kinosommer mit einem Hammerschlag eröffnet.
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Hauptdarsteller Chris Hemsworth folgt Kenneth Branaghs Anweisungen und schwingt "Thors" Hammer mit enormer Dynamik! (Foto: Paramount)
Hauptdarsteller Chris Hemsworth folgt Kenneth Branaghs Anweisungen und schwingt "Thors" Hammer mit enormer Dynamik! (Foto: Paramount)
Thor muss auf der Erde Demut und Bescheidenheit lernen, um wieder in das Götterreich Asgard zurückzukehren. Sind das Eigenschaften, mit denen man in Hollywood weit kommt?
KENNETH BRANAGH: Natürlich sind Schauspieler und Regisseure nicht davor gefeit, speziell wenn man ein gewisses Maß an Erfolg gehabt hat. Dennoch habe ich mich selbst - andere mögen mir da widersprechen - nie als übermäßig arroganten oder unbescheidenen Menschen gesehen. Ich gestehe aber auch, dass ich in Hollywood lernen musste, Kreide zu fressen. Wiederholt. Im Tai-Chi gibt es den Ausdruck "Sich mit dem Wind beugen". Ich habe mich im Lauf der Jahre oft und sehr mit dem Wind beugen müssen.
Auch jetzt wieder?
Beim ersten Treffen mit Marvel-Chef Kevin Feige - ein brillanter Mann - habe ich gesagt: Ich möchte produziert werden, ich brauche Führung. Das ist nicht mein Spezialgebiet, aber ich weiß, dass ich etwas zu dem Stoff von "Thor" beitragen kann, bei dem ich mich durchaus als Experte empfinde. Dieses Projekt braucht beides. Es braucht alles, was Marvel über Comics und deren Adaption weiß. Es braucht aber auch Herz und Emotion, eine Geschichte und nachvollziehbare Figuren. Das beherrsche ich. Feige antwortete: "Vergiss, dass du an einem Spezialeffektfilm arbeitest. Du musst nur lernen, den zuständigen Leuten zu sagen, was du brauchst. Sie nehmen dir diese Arbeit ab. Was du machen musst, ist ganz einfach: Du musst Thor besetzen. Du musst den Richtigen finden, sonst ist der Film tot, bevor wir angefangen haben."
Es ist Ihr erster Film in Hollywood seit "Mary Shelley's Frankenstein".
Ich habe als Filmemacher zwei Erfahrungen mit Hollywood gemacht. Zunächst einmal mit dem Krimi "Schatten der Vergangenheit" - ein solider Erfolg. Für wenig Geld gedreht, clever vermarktet, kurz auf Platz eins der Kinocharts. Ich war damals noch mit Emma Thompson verheiratet, und wir hätten damals bleiben können. In der Woche danach habe ich unzählige Angebote und Drehbücher auf den Tisch bekommen, aber ich wollte zurück nach Großbritannien, weil ich wieder ein Theaterstück inszenieren wollte. "Frankenstein" war eine ganz andere Größenordnung. Großes Budget, gewaltiges Marketing, Marktforschung. Schon Wochen vor dem Start wusste ganz Hollywood, dass der Film eine Enttäuschung an der Kasse sein würde. Es war eine merkwürdige Erfahrung. Kommerziell kamen wir mit einem blauen Auge davon. Aber die Kritik ... Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass es nicht wehtat, von der Presse geschlachtet zu werden. Ich war der Buhmann. Rückblickend fällt es mir schwer zu beurteilen, ob ich Hollywood danach bewusst den Rücken gekehrt habe. Es gab Angebote, aber ich habe sie ausgeschlagen. Ich würde sagen, dass ich einfach einen anderen Weg eingeschlagen habe.
Nun sind Sie zurück, mit einem Film, der noch größer und aufwändiger ist. Hat sich Hollywood verändert?
Alles ist anders. Das ganze Leben ist anders. Wegen des Internets, der Explosion der sozialen Medien, der digitalen Revolution. Alles hat sich in einer Form beschleunigt, wie man es sich vor 15 Jahren nicht hätte vorstellen können. Wenn ich zurückblicke, dann kommt es mir vor, als hätten wir "Frankenstein" in der Steinzeit gemacht. Vier Tage vor diesem Gespräch habe ich die Arbeit an dem Film abgeschlossen. Drei Wochen später kommt er weltweit in die Kinos. Das ist beachtlich.
Was hat Sie am meisten überrascht?
Die Anspannung, die Stimmung. Der erste Tag war genauso intensiv wie der letzte Tag und jeder andere Tag dazwischen. Die veränderten Kommunikationswege lassen keine andere Arbeitsweise mehr zu. Ein Film wie "Thor" hat eine gewaltige Fanbasis, die im Internet jede noch so kleine Entscheidung mit flammender Leidenschaft diskutiert und bewertet. Der Helm, der Speer, das Cape, die Farbe, die Länge: Alles gibt Anlass zur Kritik. Und Hollywood hört darauf: Es kommt vor, dass man Details ändern muss, bevor man sie überhaupt gedreht hat, weil die Foren sich daran erhitzt haben. Der Preis, den man als Filmemacher, Produzent oder Finanzier heute dafür zahlen muss, in dieser Arena mitzuspielen, ist gewaltig hoch.
Kann man als Regisseur inmitten eines solchen Unterfangens tatsächlich noch die Arbeit eines Regisseurs machen?
Das Gute war: Genau das war mein Job - und nichts anderes. All die Anspannung hielt man von mir fern, so gut es ging. Ich sollte mich genau auf meine Arbeit konzentrieren können. Als ich als junger Mann den Beruf des Schauspielers aufnahm, gab mir jemand den guten Rat: Lass es nicht unentwegt zwölf Uhr schlagen! Bei einem Film wie "Thor" schlägt es unentwegt zwölf Uhr. Aber ich hatte das Privileg, den Raum zu verlassen und mich auszuklinken, um mich dem zuzuwenden, worum es ging: einen guten Film zu machen. Ich musste mich nicht um das Marvel-Universum kümmern oder mir den Kopf darüber zerbrechen, ob mein Film zu den anderen Superhelden oder dem kommenden "Avengers"-Film passt. Ich war dazu da, "Thor" zu machen. Das war gut so. Weil ich mich nur auf dem Gebiet auskannte.
Der Druck auf Sie war also nicht größer? Sie waren ja nicht nur der Regisseur eines Films, sondern auch eines großen kommerziellen Unterfangens.
Sie haben gewiss recht mit der Betrachtung, dass "Thor" eine Art Motor ist. Man würde sich ja selbst belügen, täte man so, als würde man einfach nur einen Film drehen. Es geht um großes Geschäft, um viel Geld. Aber ich muss auch sagen, dass Marvel mich das nie spüren ließ. Im Gegenteil: Sie waren sehr effektiv, derartige Anliegen von mir fernzuhalten. Natürlich interessieren mich diese Zusammenhänge, aber gleichzeitig sind sie mir nicht besonders wichtig. Man kann einfach nicht alles wissen. Und man muss auch nicht alles wissen, wenn man nicht wahnsinnig werden will. Wenn man an einem Film wie "Thor" arbeitet, muss man lernen, sich auf das Wesentliche
zu konzentrieren und alles Weitere anderen zu überlassen. Es war auch so genug Arbeit. Da muss ich mich nicht in die Gestaltung der Plakate einmischen.
Obendrein haben Sie das erste Mal im 3D-Format gearbeitet.
Man muss ganz anders an eine Szene herangehen. Wir haben im Vorfeld lange geplant und experimentiert. Wir wollten den Film in 3D machen, um das Erlebnis noch unmittelbarer, noch beeindruckender zu machen. Es war uns aber auch wichtig, es nicht zu übertreiben. Der Zuschauer soll kein Kopfweh bekommen. Für jemanden wie mich, für den die Welt der Wissenschaft immer ein Buch mit sieben Siegeln geblieben ist, war es eine ausgezeichnete Physiklektion. Am Ende ging es immer nur darum, wo und wie man Figuren und Gegenstände platziert, damit es gut aussieht. Wir hatten das Privileg, uns die nötige Zeit zu nehmen, es ordentlich, sauber und homogen umzusetzen. Das gefiel mir, weil ich etwas Neues lernen konnte.
Hat es Spaß gemacht?
Oft hat es richtig Spaß gemacht. Für die Zeit der Produktion habe ich zum ersten Mal in meinem Leben in einem Haus direkt am Ozean gelebt. Das war wunderbar. Meine Frau und ich haben uns ein bisschen California Dreaming erlaubt. Ich konnte absolut anonym leben und habe mich Tag für Tag nach Drehschluss an den simplen Freuden des Lebens ergötzt. Die Arbeit mit den Schauspielern war wunderbar. Anthony Hopkins! Natalie Portman! Man gestattete mir genug Zeit für Recherchen und Proben, was ich besonders genieße. Und ich fand es sehr aufregend mitzuerleben, was technisch möglich ist. Es bedurfte einige Geduld, aber es hat sich immer gelohnt. Ich fühlte mich wie ein kleiner Junge, wenn fertige Effekte aus den Labors geliefert wurden. Miterleben zu dürfen, wie eine Szene Gestalt annimmt, in der sechs Menschen auf Pferden in Weltall über einen Regenbogen reiten, bevor sie durch die Zeit zu reisen, und obendrein derjenige zu sein, der diese Bilder zu verantworten hat, die aufregend und heroisch, aber nicht albern sein sollten, bereitete mir große Genugtuung.
Würden Sie eine nächste Runde in Angriff nehmen wollen?
Ich bin ein ausgeglichener Mensch. Ich mache seit einem Jahr Yoga und nehme mir die Dinge nicht mehr so zu Herzen wie in meinen jungen Jahren. Wenn man mich fragen würde und das Drehbuch meinen Vorstellungen entspräche, würde ich wieder darüber nachdenken.