
Dramatische Viererkonstellation frei nach Goethes "Wahlverwandtschaften" mit emotionalen Spannungen und einem versöhnlichem Ende.
Drehbuchautor und Regisseur Sebastian Schipper steht mit seinen Filmen ("Absolute Giganten", "Ein Freund von mir") für stille Beobachtungsgabe und leise Töne. Die Geschichte von zwei Männern und zwei Frauen, die im Sommer in einem alten und renovierungsbedürftigen Haus aufeinander treffen, ist als Filmthema nicht unbedingt neu, aber Schipper geht es sehr bedächtig, dennoch mit großer Leichtigkeit und ohne eine Spur von Pathos an.
Hanna und Thomas lieben sich, passen aber nicht so richtig zusammen. Dss zeigt sich schon in der ersten Szene. Während sie noch schläft, dreht er den CD-Player auf, sie dagegen bringt ihm ganz fürsorglich die Zahnbürste. Die beiden fahren zu ihrem neuen Haus auf dem Land, wollen es nach ihrem Geschmack einrichten. Er denkt wenig, sie überlegt vielleicht zu viel, er haut eine Tür ins Gemäuer, ohne zu wissen, ob die Statik hält, sie freut schon ein bisschen Zweisamkeit. Unerwartet kündigt sich Thomas' Bruder an, ein erfolgreicher Architekt und gerade von Frau und Kind verlassen, und dann kommt noch die junge Augustine zu Besuch, Hannas "Patenkind", die mit ihren Reizen nicht geizt und Thomas verführt. Was so wenig überrascht wie das Verständnis zwischen Hanna und ihrem zuverlässigen Schwager.
Marie Bäumer spielt so zurückgenommen, dass sie manchmal fast in den Hintergrund tritt und Milan Peschel als Kindskopf und André Hennicke als ernsthafter Gegenpart das schauspielerische Zepter übernehmen, derweil Anna Brüggemann fein dosiert zwischen jugendlicher Unschuld und Berechnung schwankt. Das Drama übernimmt die Grundstruktur von Goethes Wahlverwandtschaften, ohne in einer Tragödie zu enden. Alles geschieht beiläufig, die Einkäufe im Baumarkt, Dinner bei Kerzenlicht, Diskussionen, ob man tote Tiere essen darf oder ein Besäufnis mit billigem Tetrapack-Wein an der Tankstelle. Die Liebenden verlieren und finden sich, dazwischen tastende und nicht ernst gemeinte Befreiungsversuche. Der eigens für den Film von Vic Chesnutt komponierte Soundtrack unterstreicht die ambivalente Atmosphäre und den manchmal etwas verhaltenen Gefühlsreigen, aber auch das Sehnen in einer seidigen Sommernacht. Viel wird über Bilder erzählt, weniger mit Worten in diesem unprätentiösen Mix aus Versuchsanordnung und sanftem Beziehungsporträt. Das Leben ist ein langer Fluss, auch wenn man erst Mitte/Ende 30 ist. mk.