
Gefühlvoll, aber nie kitschig: Susanne Biers Familiendrama über Lügen und Geheimnisse, schmerzhafte Enthüllungen und tiefgreifenden Entscheidungen ist ein Meisterwerk an Inszenierung und Darstellung.
Schon lange hat sich der dänische Film von Übervater Lars von Trier und "Dogma" emanzipiert, seine Nachfolger probieren andere Wege, ohne das Gelernte über Bord zu werfen. Geblieben ist vor allem die Stärke des Geschichtenerzählens, der Blick hinter die Fassade, die Lust an der Brüchigkeit von Beziehungen. Denn nichts scheint den Dänen verdächtiger als Harmonie und Glück oder eine intakte Familie. Immer lauern Schuld und Verrat unter der glatten Oberfläche, wirbeln das scheinbar geordnete soziale und familiäre Gefüge durcheinander. So holen auch hier nach und nach Lebenslügen die sich in Sicherheit wiegenden Protagonisten ein.
In einer der ärmsten Regionen Indiens arbeitet Jacob als Leiter eines von Schließung bedrohten Waisenhauses. In dieser prekären Situation erhält er von Jorgen, einem dänischen Geschäftsmann, ein großzügiges Spendenangebot. Bedingung: Er muss in die alte Heimat reisen und den Vertrag persönlich unterzeichnen. Beim ersten Treffen gibt sich der Mäzen jovial, aber uninteressiert, fordert Überlegungszeit und lädt ihn derweil zur Hochzeit seiner Tochter Anna ein. Nicht erst als die in einer improvisierten Rede ihren Eltern, vor allem dem Vater Jorgen dankt, der nicht ihr leiblicher Vater ist, ahnt man die heraufziehende Tragik, Risse in der Idylle. Jorgens Frau Helene war Jacobs Jugendliebe, verließ vor 20 Jahren den Säufer, Schürzenjäger und Junkie in Indien, schwanger. Nicht nur die Vaterschaft Jacobs und Jorgens persönliche Absichten kommen an den Tag, weitere verborgene Wahrheiten konfrontieren den Einzelnen mit existenziellen Fragen und einem moralischen Dilemma. Susanne Bier stützt sich auf ein eingespieltes Team: wie schon bei "Open Hearts" und "Brothers" produzierte Sisse Graum Jorgensen, schrieb Anders Thomas Jensen das Drehbuch und kriegt genial die Rührseligkeitskurve, ohne in Klischees oder Kitsch zu verfallen. Und Mads Mikkelsen, der schon in "Open Hearts" brillierte und derzeit als Bonds Gegenspieler die Leinwand unsicher macht, spielt den spröden Jacob ruhig, ernsthaft und zurückgenommen, Rolf Lassgard umschifft souverän die Klippen des Overacting in seiner Verletzbarkeit und seinen expressiven Ausbrüchen. Jede Szene, größtenteils mit Handkamera und ohne technischen Schnickschnack gedreht, "sitzt", Close-ups unterstreichen die packende Intimität der Erzählung, eröffnen eine schmerzhafte Nähe zu den psychologisch präzise gezeichneten Figuren, die sich einem filigranen Netz plausibler Zufälle verfangen und über emotional dünnes Eis lavieren, in der trügerischen Hoffnung, dass es hält. "Nach der Hochzeit" ist das Beste, was uns Zuschauern passieren kann. weckt im freien Fall der Gefühle tiefste Empfindungen (Tränen inklusive) und lässt uns dennoch nicht in Tristesse versinken. Ein Triumph der leisen Zärtlichkeit und des europäischen Kinos. mk.