
Gut beobachteter, aber mit überreichlich Drama und Action gepaarter Initiationsfilm um einen 17-Jährigen, der an schwerer Neurodermitis leidet.
Neurodermitis ist eine fürchterliche Krankheit, eine moderne Geißel der Menschheit, die den Betroffenen mit Juckreizen quält und im schlimmsten Fall dazu führt, dass die Haut in blutig-eitrigen Fetzen vom Körper hängt. Will man so etwas im Kino sehen? Ingo Haeb schon. Er ist Autor und zusammen mit Jan-Christoph Glaser auch Regisseur von "Neandertal", einem Spielfilm über einen 17-Jährigen, der unter Neurodermitis im schlimmsten Stadium leidet. Trotzdem kommt dieser Guido (Jacob Matschenz) ganz gut zurecht. Er führt ein weitgehend sorgenfreies Leben mit seinen Eltern, hängt bevorzugt mit dem besten Kumpel auf dem Skateboard ab und hat sogar eine ausnehmend hübsche Freundin. Aber schon bald beginnt das Idyll zu bröckeln wie die vertrocknete Haut an Guidos Armen. Sein Bruder entflieht dem bürgerlichen Kleinstadtmief Knall auf Fall nach Neuseeland, der Vater hat seit Jahren ein Verhältnis mit der Nachbarin und die Mutter (Johanna Gastorf macht ihr Sache ausgezeichnet) hängt bereits mindestens ebenso lang heimlich an der Flasche. Es ist zum Aus-der-Haut-fahren. Guido ist völlig fertig. Um endlich von seinen kranken Leuten wegzukommen, lässt er sich mit dem lebenslustigen, aber auch unverschämten Herumtreiber Rudi (Andreas Schmidt, schon wieder in einem "Problemfilm") ein. Doch als der plötzlich mit einer Knarre herumfuchtelt, nimmt Guido wieder Reißaus - zurück in den Schoß seiner kaputten Familie.
"Neandertal", der 2006 auf den Hofer Filmtagen uraufgeführt wurde und nach dem Ort heißt, in dem er spielt, basiert auf eigenen Erfahrungen des Autoren. Dabei gelingt es Haeb, Neurodermitis in seiner schlimmsten Form zu zeigen - als Guido einmal vor dem Spiegel seine Haut abzieht, merkt man zunächst nicht, dass es sich hierbei um eine Horror-Alb-Traumsequenz handelt. Denn Guidos Körper wird im Verlauf des Films ständig ähnlich drastisch dargestellt. Doch kaum haben Haeb und Glaser ihren schönen, frechen, rockigen Initiationsfilm etabliert, überfrachten sie ihn mit reichlich Drama in Form von Einzelschicksalen von Familienmitgliedern und mit übertriebener Action in Form einer Pistole. Das ist schade, denn die gut beobachtete Coming-of-Age-Story wäre stark genug gewesen, Matschenz, der den Dennis in "Die Welle" spielt, hätte den Film auch tragen können, und Neurodermitis wäre vielleicht so nebenbei als Krankheitsbild im Kino salonfähig geworden. lasso.