
Fünf Reisegeschichten aus fünf Ländern erzählen mit Melancholie und lakonischem Humor von Sehnsucht nach Liebe und dem diffusen Lebensgefühl einer Generation.
Wer Judith Hermanns Erzählband "Nichts als Gespenster" kennt, darf sich die Augen reiben. Martin Gypkens gelingt es, eigentlich unverfilmbare Episoden von Menschen rund um den Globus, die sich fern der Heimat treiben lassen, als unterhaltendes Mosaik von Beziehungen, Begegnungen und Begebenheiten auf die Leinwand zu zaubern. Oft sind es ganz alltägliche Dinge und kleine Katastrophen, die den Reisenden aus dem Trott bringen und zum Nachdenken zwingen.
Da ist das sich entfremdete junge Paar, das über die Highways der USA braust, die Frau, die ihrer besten Freundin in der deutschen Provinz den Mann der Träume ausspannt, eine andere, die in Jamaika ihren Ex-Freund besucht, die Tochter aus gutem Hause, die in Venedig ihre nervigen Eltern trifft und ein anfänglich noch "platonisches" Gespann, das in Island plötzlich Lust und Eifersucht verspürt.
Egal wo, es klappt einfach nicht zwischen den Geschlechtern, Reisen löst keine Probleme und Gefühle machen alles nur noch komplizierter, was die Menschen zu Hause nicht finden, finden sie auch nicht in der Fremde, so die nicht ganz revolutionäre, aber in gewaltigen Cinemascope-Bildern und in bester Besetzung (u.a. August Diehl, Jessica Schwarz, Janek Rieke und Fritzi Haberlandt) verkündete Quintessenz. Auch wenn sich die einzelnen, knapp aber präzise gezeichneten Figuren und Paare nie treffen und ihre Schicksale parallel laufen, so verbindet sie neben der Sprachlosigkeit trotz vieler Worte eben der verzweifelte Versuch, aus dem Netz von trügerischer Sicherheit, falschen Hoffnungen und seelischen Verletzungen auszubrechen. Die Übergänge von einem Handlungsstrang zum nächsten sind oft fließend, mal abrupt wie bei dem Wechsel von der Ziegenschlachtung in der Karibik auf die genüssliche Rouladenzubereitung in Island.
Die unterschwellige Traurigkeit wird immer wieder gebrochen durch Außen-Charaktere, die für Skurrilität und Komik sorgen - wie eine völlig durchgedrehte Gespensterjägerin in USA. Das Durch-die- Gegend-reisen und Nicht-ankommen-können versteht Gypkens als metaphorisch, seine Helden verharren im Schwebezustand im Dickicht von Deutungen und Zufällen. Der Mut zum rigorosen Neuanfang? Nur eine Chimäre. mk.