
Kein Trauma ohne Dogma: Ein junges Paar mit akuten Heiratsplänen wird durch einen Unfall für immer aus der Glückskurve geworfen. Die tragischen Konsequenzen dieser Zäsur, aber auch die Verrücktheiten des Lebens, die unerwartet unkontrollierbare Gefühle neuer Zuneigung austreiben lassen, zeigt Regisseurin Susanne Bier in einem bemerkenswerten Drama, das die Dänen-Tradition mit beeindruckender schauspielerischer Intensität fortführt.
Dogma-Veteranin Paprika Steen in ihrem vierten Film für die stilistischen Asketen aus Skandinavien und vor allem Neuentdeckung Sonja Richter mit einer Expedition in emotionale Abgründe und Aufstiege prägend entscheidend Biers siebte Inszenierung fürs Kino. Die 32-jährige Dänin drehte zuletzt zwei romantische Komödien und mit "Sekten" einen Thriller, der 1998 auf dem Fantasy Filmfest durch Deutschland tourte. Mit Naturlicht, Originalton, Schütteloptik und Musik aus authentischen Quellen (Walkmen) befolgt sie eisern die Dogma-Regeln. Um die reale Erzählebene zu verlassen und unausgesprochene Sehnsüchte der Figuren in bestimmten Situationen zu illustrieren, benutzt sie extrem grobkörnige Bilder als cleveres Stilmittel. So winkt Student Joachim, der, von einem Auto angefahren, halsabwärts gelähmt im Krankenhaus liegt, seiner Verlobten (Sonja Richter) zu, weil nur ihre Imagination ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen kann. Das Drehbuch von "Open Hearts", das Bier im Team mit Anders Thomas Jensen (sein dritter Dogma-Stoff) schrieb, erzählt die Geschichte von Joachims Verbitterung und der schmerzlichen Befreiung aus dem verständlichen Selbstmitleid, begleitet aber auch seine Freundin auf ihrem Weg aus der Verzweiflung hinein in neues Leben, das emotionale Opfer, aber eben nicht Aufopferung von ihr fordert. Ihre keimende Beziehung zu Niels (Mads Mikkelsen), dessen Frau den Unfallwagen fuhr, streift ein moralisches Tabu, weil hier Liebe aus Verzweiflung, Mitgefühl und Hilflosigkeit geboren wird und Niels intakte Ehe mit Marie (Paprika Steen) durch die unerwarteten Gefühle zu Bruch geht. Ohne Schuldzuweisungen, unsentimental und ehrlich geht das packende, in den Szenen zwischen Joachim und seiner couragierten Krankenschwester unerbittlich harte Drama mit dieser komplizierten Situation um, für die es am Ende keine leichte Lösung gibt. Hoffnung aber zeigt sich, Humor trotz der Tragik, womit ungeachtet der Thematik im Kino niemand einen deprimierenden Trauergang befürchten muss. kob.