
Nach dem Slapstickkracher "1 1/2 Ritter" schlägt Til Schweiger unter der Regie von Matthias Emcke nun leisere Töne an, bleibt sich aber ansonsten ziemlich treu.
Kaum hat er mit Rick Kavanian als "1 1/2 Ritter" die "Jagd nach der hinreißenden Herzelinde" beendet, da beehrt uns Workaholic Til Schweiger erneut. Dieses Mal kommt er jedoch bei Weitem nicht so slapstickartig und schenkelklopfhumorig daher, sondern in einer seriösen, dramatischen (Tränen inklusive) Rolle, der eine gewisse Verwandtschaft zu den Figuren aus "Knockin' On Heavens Door", "Barfuß" und "Keinohrhasen" nicht abzusprechen ist. Denn auch in "Phantomschmerz" gibt Schweiger wieder den Lebemann, den Frauenhelden, den Tunichtgut, der Arbeit und Verantwortung scheut wie der Teufel das Weihwasser, sich aber im Lauf der Handlung zum "besseren" Menschen wandelt.
Als Marc Somner benötigt er allerdings ein drastisches Mittel, um auf den Pfad der Tugend zurückzukehren - er verliert bei einem Verkehrsunfall ein Bein. Das hindert den passionierten Radrennfahrer zunächst nicht daran, weiter von einer Fahrt auf den Berg der Berge, den Col du Tourmalet (ein beliebtes Etappenziel der Tour de France), zu träumen und ansonsten sein Lotterleben weiterzuführen, sprich: ständiger Beziehungswechsel und sträfliche Vernachlässigung seiner zwölfjährigen Tochter (Luna Schweiger). Doch zum Glück gibt es Marcs besten und stinkreichen Kumpel Alex (Stipe Erceg). Er lässt seinen einbeinigen Freund nicht nur bei sich wohnen, er sponsert ihm auch eine sündhaft teure Spezialprothese und schenkt ihm zum Jahreswechsel einen coolen Amischlitten. Als sich dann auch noch die herzensgute, einfühlsame und verständnisvolle Nika (Jana Pallaske) als mehr als der übliche One-Night-Stand herauskristallisiert, steht einem Happy End nichts mehr im Weg.
Das Langfilmregiedebüt von Matthias Emcke, der bisher als Produzent von US-Indies wie "Judas Kiss" (1998, mit Til Schweiger) gearbeitet hat, basiert auf einer wahren Begebenheit. Das tragische Missgeschick des Verlustes des Beins ist einem guten Freund Emckes, dem Kanadier Stephen Sumner, tatsächlich passiert. Ihm ist "Phantomschmerz" gewidmet. Doch im Unterschied zu vergleichbaren Werken wie dem bemüht authentischen "Lauf um dein Leben - Vom Junkie zum Iron Man" oder dem glaubwürdig ehrlichen Biopic "The Flying Scotsman" (die sich als Flops entpuppten) steht hier der Unterhaltungswert eindeutig im Vordergrund. Zugleich ist Schweigers Handschrift klar erkennbar, obwohl er "nur" als Koproduzent und Hauptdarsteller in Erscheinung tritt. Das beginnt schon in der Eingangssequenz, in der er eine von Alwara Höfels (Tschirners Freundin und Kollegin aus "Keinohrhasen") gespielte Bardame anmacht. Auch die Besetzung mit Schweigers Tochter Luna, die sich nicht nur in der wunderschönen Velodromsequenz ihrem Vater als durchaus ebenbürtig erweist, passt ebenso ins Bild wie der Erzählrhythmus, der stets zwischen Dialogszenen und atmosphärischen, melancholisch angehauchten, mit eingängiger Musik unterlegten Momenten (vorzugsweise mit dem radfahrenden Protagonisten) wechselt. Neu allerdings sind Schweigers "Vokuhila"-Frisur, die erst am Ende des Films dem Rasierer zum Opfer fällt, Ökobotschaften wie "Misch dich nicht in Angelegenheiten von Mutter Natur ein" sowie das Leitmotiv des Films "Das Leben ist fair, und alles gleicht sich aus". Letzteres dürfte auch das Geheimnis von Stephen Sumner beim Meistern eines Daseins ohne Bein gewesen sein. Dank des Starpotenzials von Til Schweiger wird dieses Schicksal nun einem breiten Publikum zugänglich gemacht. lasso.