
In hypnotischen Bildern belebt Marcus H. Rosenmüller die Legende des berühmten bayerischen Rebellen mit viel Gefühl, schwarzem Humor und einem furios aufspielenden Maximilian Brückner.
Mit dem Förderpreis Deutscher Film für "Wer früher stirbt, ist länger tot" kam für Marcus H. Rosenmüller beim Filmfest München 2002 der Durchbruch und er bleibt dem Filmfest treu, diesmal mit seiner Außenseiter-Ballade "Räuber Kneißl". War Reinhard Hauffs kritischer Historienfilm "Matthias Kneißl" aus dem Jahre 1970 eine ruhige und tiefgründige Betrachtung der Ungerechtigkeiten um die Wende zum 20. Jahrhundert (mit Hans Brenner in der Titelrolle), setzt sein Nachfolger auf schnelles Tempo und eine bewegende Liebesgeschichte. Die armen Kneißls passen nicht so richtig ins beschauliche Dachauer Land, die Männer wildern im Wald und führen ein wildes Leben, scheren sich nicht um die Obrigkeit. Deshalb hat Dorfgendarm Förtsch ein Auge auf die Familie. Als die Eltern den Tabernakel plündern, prügeln seine Mannen den Vater tot, die Mutter kommt ins Gefängnis, wenig später werden die Brüder Mathias und Alois nach einer Schießerei festgenommen, Alois stirbt an Schwindsucht. Nach seiner Haftentlassung machen die Dörfler und vor allem Förtsch es dem "Zuchthäusler" schwer, sich wieder einzugliedern, der Traum vom bürgerlichen Dasein zerrinnt. Aus Not wird er zum Kriminellen und Mörder, nur die Liebe zur schönen Mathilde gibt ihm Kraft. Als deren Mutter ihn verrät, stürmt eine Hundertschaft von Polizisten sein Versteck. Seinen von Kugeln durchlöcherten Leib richten Ärzte wieder her - zur Hinrichtung durch die Guillotine.
Rosenmüller hält sich weitgehend an grundsätzliche Fakten und stilisiert Kneißl zum charismatischen bayerischen Anarchisten, der Widerstand leistet, sich über Autoritäten lustig macht und nicht beugen will, ungebrochen in den Tod geht. Stefan Biebls Kamera schwelgt in satten Farben, opulenten Sonnenauf- und -untergängen, entfaltet eine im deutschen Kino seltene visuelle Pracht. Die Lovestory zwischen Maximilian Brückner und Brigitte Hobmeier rührt in ihrer Einfachheit und durch die Ehrlichkeit der Gefühle, und immer wieder taucht sie auf, die Sehnsucht nach Amerika, die sich nicht erfüllt. Trotz bitterem Ende feiert der Film das Leben und die Liebe, die schönen Momente kann Kneißl keiner nehmen. Die Stärke von Rosenmüller liegt in den poetischen Szenen, im gelungenen Mix aus Soap und Abenteuer, Kitsch und Gefühl. Der Stoff hat nichts an Aktualität verloren, Ungerechtigkeiten gibt es noch immer. Vielleicht wäre der Held heute ein zorniger Hartz IV-Empfänger. Kneißl ist eine Art Robin Hood, und diese Figur ist zeitlos. mk.