
Aus Schweiß und Schmerz eines italienischen Geigenbaumeisters wird 1681 eine rote Violine geschaffen, deren Weg Regisseur Francois Girard über drei Jahrhunderte verfolgt. An Prominenz und Aufwand des in fünf Ländern gedrehten Films wurde nicht gespart, wohl aber an Dramatik, die die zweistündige Lektion über die Unvergänglichkeit der Kunst auch zu einem menschlich packenden Ereignis hätte machen können.
Etwas kühl wirkt diese Kultur- und Geschichtsreise, obwohl es den Haltepunkten nicht an Konfliktstoff fehlt, der aber strukturell bedingt nur in dramatischen Häppchen angeboten werden kann. Verbindende Klammer der vier elementaren Episoden ist eine in der Gegenwart abgehaltene Auktion, auf der das lange verschollene, wertvolle Instrument zum Verkauf angeboten wird. Diese Basissituation nutzen Girard und sein auch darstellerisch involvierter Co-Autor Don McKellar, um mit den wichtigsten Mitbietern, die mit der Geschichte der Geige in Verbindung stehen, in deren Vergangenheit abzutauchen. Sie beginnt 1681, als Meister Bussotti (Carlo Cecchi) für sein bald erwartetes erstes Kind sein vollkommenstes Instrument baut, das auch sein letztes werden wird. Denn Frau und Kind sterben bei der Geburt, und Bussottis Schmerz resultiert in der ungewöîhnlichen Rot-Lackierung der Violine. Deren nächste Station ist 100 Jahre später ein begabter Waisenjunge, für den das geliebte, längst zum Subjekt gewordene Objekt auch zum Fluch wird, als sein Herz unter künstlerischem Leistungsdruck kapituliert. Mit ihm begraben, von Zigeunern geraubt, landet die Violine bei einem von Paganini inspirierten englischen Teufelsgeiger (amüsant verrückt und arrogant: Jason Flemyng) und wird zum erotischen Stimulator, dem gegenüber nicht nur Greta Scacchi stilvoll, aber gewohnt textillos Wirkung zeigt. Nach dieser erst- und letztmals Humor einbringenden Episode gelangt die Violine nach China und wird in der Kulturrevolution zum Symbol westlicher Musiktradition und damit zur Gefahr für ihre Besitzerin. Das Geheimnis des Klangwunders, das dessen Subjektcharakter unterstreicht, enttarnt schließlich Samuel L. Jackson. Der im Thriller-haften letzten Akt dafür sorgt, daß nicht der materielle, sondern der ideelle Wert gewürdigt wird. Musikalische Ideen liefert "Die rote Violine" genug, schließlich konnte mit John Corigliano, dessen Musik Ken Russells "Der Höllentrip" erst zu einem solchen machte, eine sehr individuelle kompositorische Stimme verpflichtet werden. Visuell aber ist Regisseur Girard, der schon in "32 Variationen über Glenn Gould" die Beziehung Mensch und Musik untersuchte, weniger experimentierfreudig. Etwas bieder, konventionell und drucklos ist seine Inszenierung ausgefallen, womit der nicht leicht vermittelbare Stoff auf seine prominenten Interpreten setzen muß, um nicht nur Programmkinoveteranen anzulocken. kob.