
Spielfreudige Dreiecksgeschichte zwischen einem Rollstuhlfahrer, seinem Zivi und einer umtriebigen Studentin.
Zwei Männer und eine Frau, Leidenschaft, Eifersucht, Sex. Letzteres wird erst einmal klein geschrieben bei Dietrich Brüggemanns Regiedebüt. Denn Benjamin sitzt im Rollstuhl und eine "normale" Beziehung ist für ihn Utopie. Er ist kein Sympathieträger, sondern schikaniert seine Mutter, die ihn betüttelt, und den neuen Zivi Christian, an dem seine Zynismen abprallen, weiß der doch, dass er nach einem halben Jahr wieder fleißig fürs Medizinstudium büffeln kann. Dass beide sich in eine Musikstudentin verlieben, die ihre Gunst zwischen ihnen aufteilt, gibt der heiter-melancholischen Geschichte die richtige Würze. Das Objekt der Begierde kann sich nicht entscheiden, was alle Drei in Kalamitäten bringt, sie aber nicht hindert, sich gemeinsam in eine Welt der Fantasie und Sehnsucht zu stürzen.
Die zärtliche Beschreibung der Figuren macht den Zugang zu ihnen leicht, auch wenn sie aus Angst vor der Realität und persönliche Unsicherheit gerne ihre Stacheln ausfahren. Brüggemann, der das Drehbuch mit seiner Schwester und Hauptdarstellerin Anna entwickelte, greift das Thema Behinderung ohne Larmoyanz auf, zeigt wie der seit einem Unfall vor sieben Jahren an den Rollstuhl gefesselte junge Mann unter der Abhängigkeit leidet, unter dem Wunsch nach einem Leben voller Zuneigung und Sex. Er will keine Partnerschaft mit einer Behinderten, sondern Liebe, aber bemerkt pragmatisch "wer steht schon auf einen Typen im Rollstuhl". Ohne die Behindertenkarte zu sehr auszureizen, geht es auch um äußerliche Attraktivität als Verkaufswert, um die Erfüllung eines fast unmöglichen Traumes, die Ziellosigkeit einer Generation. Die Kamera schaut oft aus der Vogelperspektive auf das Geschehen und schafft so eine Freiheit und Schwerelosigkeit, die dem in der Bewegung beeinträchtigten Protagonisten schmerzlich fehlt. Trotz trockenen Humors und witziger Dialoge bleibt vieles unausgesprochen, trotzt die Leichtigkeit der Erzählung dem nicht ganz leichten Thema und vermeidet die Fallstricke eines Behindertendramas. Der Trumpf ist Robert Gwisdek ("13 Semester"), der die emotionale Skala vom misanthropischen Humor bis zur größten Verzweiflung austariert, die Komplexität dieser Figur bis zur Grenze ausreizt und nicht eine Sekunde auf Mitleidseffekt setzt. mk.