
Mit diesem stimmigen und aufwühlenden Drama einer zwischen Glauben und Lebenslust, Familie und Freundschaft zerrissenen kranken jungen Frau beweist Hans-Christian Schmid erneut, dass er zu den besten Regisseuren seiner Generation zählt.
Hans-Christian Schmid sucht sich die Themen nicht nach kurzfristigen Moden aus, sondern stößt auf Geschichten, die ihn berühren. Da nimmt er auch in Kauf, dass sie wie hier in den 70ern spielen und Exorzismus behandeln. Inspiriert von einer wahren Begebenheit erzählt er vom Schicksal der Michaela Klingler, die das streng katholische Elternhaus verlässt, um in Tübingen zu studieren. Dem spießbürgerlichen Umfeld entronnen, genießt sie die unbekannte Freiheit, findet eine fröhliche Freundin und verliebt sich in den sympathischen Stefan (Nicholas Reinke). Doch die Vergangenheit lässt sie nicht los, sie leidet zunehmend unter epileptischen Anfällen und Wahnvorstellungen, wendet sich in ihrer Verzweiflung an einen Priester, stimmt gar freiwilig einem Exorzismus zu und bezahlt diese Entscheidung mit dem Leben. Ausgangspunkt war ein Artikel über den Fall Klingenberg, noch heute ziehen Wallfahrer zum Haus der vor über 20 Jahren verstorbenen Anneliese Michel. Wie sie kämpft auch die tragische Heldin von "Requiem" mit inneren Dämonen, möchte die Freuden des Jungseins, das erste Herzklopfen, den ersten Kuß genießen, wird aber immer wieder von Schuldgefühlen und Angst übermannt und schafft es nicht, aus dem Teufelskreis von Bigotterie und Besessenheit auszubrechen. Das Absurde: alle Beteiligten wollen nur das Beste und tun das Falsche. Der gutmütige Vater, der sich gegen die gestrenge und gefühlsresistente Mutter nicht durchsetzen kann, die Freundin, die ihr zuredet, einen Arzt aufzusuchen, der Freund, der hilflos zuschaut, wie das zierliche Mädchen sich in ein schreiendes Wesen verwandelt. Es geht Schmid weniger um Glaubensfragen, sondern um eine Familiengeschichte. Michaela startet hoffnungsvoll und scheitert am Ende, wie auch Karl Koch in "23". Schmerzhafte und quälende Szenen werden zwar nicht ausgespart, aber nie gleitet der Film in spekulative Bilder oder Voyeurismus, lässt der Protagonistin ihre Würde. Bevor es unerträglich wird, zieht sich die Kamera zurück, geht auf Distanz. "Ernst-Busch"-Absolventin Sandra Hüller (ausgezeichnet mit dem "Bayerischen Filmpreis"), die in ihrer Zartheit und Stärke Ähnlichkeit mit Cate Blanchett aufweist, gibt sich seelisch nackt, kehrt das Innerste nach Außen, ist mal charmant-aufgeweckte Studentin, dann weinendes Wrack. Dieser an die Substanz gehenden Performance kann sich wohl niemand entziehen. "Requiem" ist trotz lauter Ausbrüche ein Film der leisen Töne und feinen Sanftheit, ein Kinowunder. mk.