
Was möglich ist, wenn ein Künstler seine persönlichen Anliegen als Filmregisseur in den Dienst seiner Geschichte stellt, beweist Julian Schnabel in seinem dritten Film, ein kleines Meisterwerk mit nachhaltiger Wirkung.
Eine Weißblende eröffnet den Film, gefolgt von zunächst unscharfen und unkoordinierten Ansichten eines Zimmers und später Gesichtern, von ungeordneten, fragenden Gedanken, die die eigenartig surrealen Bilder in Form einer Stimme aus dem Off begleiten. Und schon befindet man sich mitten im Kopf von Jean-Dominique Bauby, dem Chefredakteur der französischen Elle, der 1995 erwacht und nach und nach realisieren muss, dass er ein Gefangener seines eigenen Körpers ist. Oder genauer gesagt: Aus heiterem Himmel hatte der 42-Jährige einen Gehirnschlag, der ihn mit Ausnahme der Muskel seines linken Auges komplett lähmt. "Locked-in-syndrome", lautet die Diagnose der behandelnden Ärzte im Sanatorium von Berck. Ein unheilbarer Zustand, eine Art Leben nach dem Tod, das Bauby nach der Überwindung des ersten Schocks und Selbstmitleids über seine Krankheit in 14-monatiger Arbeit in seiner 1997 erschienenen Autobiographie "Taucherglocke und Schmetterling" festhielt - er diktierte das Buch nur mit Hilfe eines Alphabets, das ihm vorgelesen wurde und auf das er mit dem Blinken seines funktionierenden Auges reagierte.
Nur selten verlässt der Film den Kopf und die Gedankenwelt Baubys: Der erste Anblick seines deformierten Gesichts und Körpers ist für ihn und den Zuschauer ein Schock - den ganzen Film erlebt man mit ihm aus seiner Sicht. Und doch ist es nicht das Aufarbeiten einer Krankenakte oder die erschütternde Geschichte eines langsamen Sterbens, nach der dem exzentrischen New Yorker Schnabel der Sinn steht: Zwar gelingt es ihm, mit einem Maximum an Einfühlungsvermögen und Zurückhaltung tatsächlich aus der Sicht Baubys zu erzählen, sein Empfinden und Denken, seine gesamte grausame Situation spür- und erfahrbar zu machen, wozu nicht zuletzt die sensationelle Kameraarbeit von Steven Spielbergs Hauskameramann Janusz Kaminski mit in dieser Form noch nie gesehenen Bildern beiträgt. Aber Schnabel weiß auch, was und wie viel er seinem Publikum zumuten kann. So ist "Taucherglocke und Schmetterling" ein regelrecht poetisches Drama über die Selbstfindung eines Mannes, der ein Gefangener seines eigenen Körpers ist, aber auch über den Akt des künstlerischen Schöpfens - und damit auch in den Momenten lebensbejahend, wenn die Figuren des Films alle Hoffnung fahren lassen. Wie das gebetsmühlenartig wiederholte "E-S-A-R-N-T-U-L...", das sich für Bauby wie ein Rettungsanker mit der Außenwelt verbindet, sich nach und nach als Mantra für neu erwachten Lebensmut erweist, wie Schnabel Erinnerungen und Gegenwart verbindet und der von Mathieu Almaric gespielte Bauby seine Erfüllung an der Seite von schönen, helfenden Frauen jenseits jeglicher Sexualität findet, davon erzählt dieser herausragende Film in der Tradition von "Mein linker Fuß" und "Das Meer in mir" (obwohl er doch ganz anders ist) mit feinem Humor und einer unendlichen Sehnsucht nach dem Leben, das unweigerlich vom Tod beendet wird. ts.