
In seinem mosaikartig verschachtelten Erzählstil hinterfragt Atom Egoyan Vorurteile und die Segnungen des Internets.
Hypnotisch gleitet die Kamera an einer Baumreihe entlang, wehmütig streichelt ein Cello die Seele, abgelöst von den Klängen einer Violine, für die eine junge Musikerin den perfekten akustischen Rahmen gefunden hat: einen idyllischen See im Indian Summer. Stilsicher etabliert Autor-Regisseur Egoyan in den ersten Szenen die Atmosphäre und das verhaltene Tempo für seinen 11. Spielfilm, dessen Mysterium Egoyan-typisch schrittweise, über mehrere Perspektiven und Zeitebenen enträtselt wird. Impulsgeber dafür ist die Übersetzung eines Zeitungsartikels, die eine Französischlehrerin (Egoyans Frau Arsinée Khanjian) in Auftrag gegeben hat. Ihr Schüler Simon (Devon Bostick) geht weit über die gestellte Aufgabe hinaus, nimmt die schreckliche Geschichte als seine eigene an. So wird aus dem fanatischen Jordanier, der ein Flugzeug nach Israel in die Luft sprengen wollte, sein Vater, und aus der schwangeren, ahnungslosen Frau, bei der man die Bombe fand, seine Mutter. Von seiner Lehrerin ermutigt, die provokante Perspektive aufrechtzuerhalten, die Fiktion als Fakt zu vertreten, löst Simon eine hitzige, Konsequenzen nach sich ziehende Diskussion unter Mitschülern und Eltern aus, die in einem Video-Chatroom geführt wird. Hier wie auch bei Simons Onkel Tom (Scott Speedman), der den Jungen nach dem Tod der Eltern aufzog, stellt Egoyan Toleranz für kulturell-religiöse Andersartigkeit auf den Prüfstand. Denn die mysteriöse Libanesin mit dem goldenen Gesichtsschmuck, die in Toms Leben tritt, zwingt ihn zur Konfrontation mit Vorurteilen, Selbstverachtung und der Wahrheit über Simons Eltern, die Simons Großvater mit einer grausamen Lüge verfälschte. Wie schon in "Exotica" oder "Das süße Jenseits" enthüllt Egoyan ein Familientrauma - hier erweitert auf die Tragödie einer von Intoleranz und Hass vergifteten Welt. Skeptisch zeigt er sich gegenüber der Kommunikationsexplosion des Internets, weil die Qualität der Diskussion nicht mit der Quantität wächst. Doch am Ende ist diese elegante Verschmelzung von Bildern, Musik, Themen und zurückgenommenen Gefühlen ein Film der stillen Hoffnung, der erneut diese eigenartige Faszination entwickelt, die Egoyans Markenzeichen geworden ist. kob.