
Star gespickte und berührende Verfilmung von Martin Suters Debüt-Roman über Kindheitserinnerungen, komplizierte Familienbeziehung und Gedächtnisverlust.
Mit "Der Koch" schoss Martin Suter Anfang dieses Jahres ruckzuck auf Rang 1 der Spiegel-Bestsellerliste, der Schweizer Literat hat Konjunktur - auch auf der Leinwand. Mit "Small World" wird nach "Un Ami Parfait", "Lila Lila" und "Giulias Verschwinden" zum vierten Mal ein Buch von ihm fürs Kino verfilmt.
Das ernste Thema Demenz rutscht nie in Bedrückung ab, was zuallererst an einem wuchtig aufspielenden Gérard Depardieu zwischen kindlicher Naivität und vom Leben Gebeutelten liegt. Er ist Konrad Lang, einer der nie so ganz dazu gehörte zur Industriellenfamilie Senn. Als zurück gelassenes Kind einer Angestellten war er Spielkamerad des gleichaltrigen Thomas, nachdem beide sich in die gleiche Frau verliebten und der reiche Junge den Joker zog, trennten sich ihre Wege. Jetzt ist der Mann über 60, leidet an Alzheimer und hat versehentlich das Feriendomizil der Senns abgefackelt, platzt ungebeten in die Hochzeitsfeier von Thomas' Sohn und schüttet der Braut Schampus übers Kleid. Beginn einer seltsamen Freundschaft zwischen der jungen Frau und dem verwirrten Alten, aber auch von ziemlich undurchsichtigen Familienverwicklungen, Lügen und Geheimnissen. Sehr genau verfolgt der Film, wie das Gegenwartsgedächtnis schwindet, Kindheitserinnerungen an Stärke gewinnen. Und genau das scheint die gestrengen Patriarchin (fabelhaft: Françoise Fabian) zu beunruhigen.
Zwischen Krimi und Krankheit bewegt sich das bewegende Drama, in dem eine überzeugende Alexandra Maria Lara unter den Seitensprüngen ihres frisch Angetrauten leidet und mehr zufällig das komplizierte Puzzle zusammensetzt. Die Verrätselungen verlangen genaues und manchmal angestrengtes Aufpassen, damit einem die geschickt verwebten Handlungsfäden und Beziehungsgeflechte zwischen Jetzt und Vergangenheit nicht entgleiten. Suter, inzwischen das nationale Gewissen der Schweiz, knüpft im Buch ein feines Netz aus Neid, Gier und Macht, was Bruno Chiche subtil umsetzt. Manchmal erinnern die unterschwellige Spannung und die großbürgerliche Mischpoke mit ihren Intrigen an die infamen Protagonisten des unvergesslichen Claude Chabrol, nur sind Suters Helden nicht ganz so bösartig, sondern Getriebene, gespaltene Seelen. Neben dem hochkarätigen Darstellerensemble bis in die Nebenfiguren hinein beeindruckt die visuelle Gestaltung von Thomas Hardmeier, der durch unterschiedlichen Lichteinsatz die unterschiedlichen Welten gegeneinander stellt. Keine leichte Kost, bei der aber nicht nur Depardieu-Fans oder Literaturleser auf ihre Kosten kommen. Man möchte diesem zärtlichen Koloss immer weiter zuschauen. mk.