
Berührendes Drama mit Kristin Scott Thomas und Elsa Zylberstein über zwei Schwestern, die nach 15 Jahren Trennung eine vorsichtige Annäherung und einen Neuanfang versuchen.
Die Begrüßung zwischen den Schwestern am Flughafen von Nancy wirkt hölzern, das Gespräch läuft stockend. 15 Jahre verbrachte Juliette wegen Mordes im Gefängnis, die jüngere Lea führt mit Mann und zwei Töchtern ein glückliches Familienleben. Die Haft ist nicht spurlos an der Frau vorübergegangen, ihre Augen blicken leer, sie strahlt geheimnisvolle Kühle und Distanz aus. Erst einmal reagiert Juliette misstrauisch auf Annäherungsversuche ihrer Umwelt, kapselt sich ab, öffnet sich nur langsam den Nichten, die sich für die fremde Tante interessieren. Die ersten holprigen Schritten in ein neues Leben sind von Unsicherheit geprägt, Skepsis den anderen gegenüber. Nur langsam wagt sie sich aus dem Labyrinth des Schmerzes und der innerlichen Verhärtung hinaus. Eine neue Arbeitsstelle, eine neue Wohnung, langsam erobert sich Juliette ein Stück Normalität, bleibt für Freunde und Familie aber weiterhin rätselhaft. Philippe Claudel, erfolgreicher Romanautor von Büchern wie "Die grauen Seelen" oder "Das Geräusch der Schlüsselbunde", unterrichtete - wie die Figur des verständnisvollen Michels im Film - lange im Gefängnis, er weiß um das innere und äußere Gefangensein. In seinem beachtlichen Regiedebüt legt er viel Wert auf die Bildsprache, die Kamera beginnt bei der Protagonistin mit statischen Einstellungen und strengen Kadrierungen. Je mehr sie am Leben teilnimmt, um so mehr erweitert sich auch der Raum, wird die Kamera mobiler. Die Farbkompositionen spiegeln den Seelenzustand wieder, grau-blaue Farben bei Juliette, wärmere Töne bei Lea. Ganz langsam kristallisiert sich heraus, dass alle - bis auf die unbekümmerten Kinder und den nach einem Schlaganfall unter Sprachverlust leidenden, dennoch vergnügten Großvater - in einem Käfig aus Sehnsucht gefangen sind, die unerreichbare Freiheit zum Greifen nah und doch so fern. Die Leinwand zum Leuchten bringt Kristin Scott Thomas in ihrer Zerbrechlichkeit und Ambivalenz. Wirken ihr Gesicht anfangs so grau wie die Gefängnismauern und die Gesten bleischwer, blüht sie sukzessive auf, wagt mal ein kleines Lächeln und die Augen fangen Feuer, wenn sie sich wieder zu leben traut. Ein zärtlicher und bewegender Film über Einsamkeit und Alleinsein, den komplizierten Umgang mit Freiheit, Schwesternnähe und -liebe und die Familienbande als Rettungsanker, der bei der Berlinale 2008 mit dem Leserpreis der "Berliner Morgenpost" und dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet wurde. mk.