VHS Kaufvideo

Sonnenallee

Ironische, bewußt überzeichnete Burleske über den DDR-Alltag in den 70er Jahren und die kleinen und großen Sehnsüchte der Ossis.


Sonnenallee

Kaufvideo

Start: 03.10.2000

Komödie

Deutschland 1999
Laufzeit: 87 Min.
FSK: ab 6

Alexander Scheer
Alexander Beyer
Katharina Thalbach

Regie: Leander Haußmann
Paramount

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Grau in grau stellt sich der Wessi die DDR vor. Dass hinter der Mauer auch der (Berliner) Bär steppt, zeigt Leander Haußmann in seinem schrägen Debütfilm über die 70er Jahre. Die Jungs und Mädels hauen auf die Pauke und wollen sich fernab der Staatsideologie amüsieren. Und Micha, der gerne Popstar werden möchte, hat nur Eine im Sinn, die unerreichbare Miriam. Leander Haußmann und Thomas Brussig, ausgezeichnet mit dem diesjährigen Drehbuchpreis, kommen beide aus der DDR, deshalb dürfen sie auch locker in dieser Burleske Stasi-Ängste und Blockwart-Mentalität in die Pfanne hauen. Mitten durch die Sonnenallee verläuft die deutsch-deutsche Grenze. Während auf der West-Seite Leute neugierig von Aussichtsplattformen "Zonis" wie Affen im Zoo beobachten, versuchen die Bewohner der anderen Seite der Sonnenallee ein halbwegs normales Leben zu führen. Das heißt für den 17jährigen Micha und seine Clique, die täglich am Kiosk herumhängen und dem örtlichen Polizisten (ABV) ein Dorn im Auge sind, verbotene Westmusik, ein paar kleine Freiheiten, mal ein Mix aus Asthmamittel, Club-Cola und Tollkirsche zur Bewusstseinserweiterung mangels der im Westen beliebten Hanfpflanze, oder - Gipfel der Tollkühnheit - das Urinieren auf den "antifaschistischen Schutzwall". Aber auch die Alten proben die Mini-Subversion im Alltag - da trinkt man selig vom Onkel Heinz "geschmuggelten" Kaffee, schaut Westfernsehen oder plant - wie Michas Mutter - mit dem gefundenen "grünen Pass" sich einfach rüberzumachen, um dann doch im entscheidenden Moment reumütig umzukehren. Witzig, manchmal zwischen schwarzem und plakativen Humor unschlüssig pendelnd, erzählt Leander Haußmann von kleinen und großen Träumen, läßt es so richtig menscheln, zeichnet seine Helden wider Willen mit liebevoller Zärtlichkeit. Und so ganz nebenbei kommt in dieser Komödie auch Politik ins Spiel, nicht nur wenn die einstigen Freunde ihre Rollen tauschen, der Rebell zum Kollaborateur wird und der Angepaßte gegen das System rebelliert. Dem Intendant des Bochumer Schauspielhauses gelingen wunderbare Szenen, wenn beispielsweise der schmächtige Micha seinen omnipotenten Wessi-Konkurrenten mit Sport-Schlitten bei der Angebeteten mit sprödem Ossi-Charme aussticht, der West-Onkel mit rutschfester Perrücke den allwissenden Larry markiert, der tumbe DDR-Grenzer beim Qualitätsvergleich eines echten (ost)deutschen Apfels mit den modischen (West)Lychees den Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus voraussagt oder eine Existentialistin einen Jungmann "entbübt". Hervorragend die Schauspieler: Allen voran Alexander Scheer, Henry Hübchen und Ignaz Kirchner, dessen Asche in der Kaffeedose landet. Mit diesen Pfunden könnte "Sonnenallee" wuchern. Daß der Film am 7. Oktober, dem 50. Jahrestag der DDR-Gründung startet, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. mk.

Sonnenallee

Regie:  Leander Haußmann  
Buch:  Leander Haußmann  
  Detlev Buck  
Musik:  Stephen Keusch  
  Paul Lemp  
  Einstürzende Neubauten  
Kamera:  Peter Joachim Krause  
Produzent:  Claus Boje  
  Detlev Buck  
 
Darsteller:  Alexander Scheer   als Micha Ehrenreich
  Alexander Beyer   als Mario
  Katharina Thalbach   als Mutter Ehrenreich
  Henry Hübchen   als Vater Ehrenreich
  Detlev Buck   als ABV
  Teresa Weißbach   als Miriam
  Elena Meißner   als Sabrina
  Robert Stadlober   als Wuschel
  David Müller   als Brötchen
  Martin Moeller   als Kosscke
  Patrick Güldenberg   als Appel
  Annika Kuhl   als Sabine
  Ignaz Kirchner   als Heinz
  Benno Frevert   als Miriams Bruder
  Andreas Pietschmann   als Scheich von Berlin
  Margit Carstensen   als Direktorin
  Traute Hoess   als Miriams Mutter
  Thorsten Ranft   als Olaf aus Dresden
  Winfried Glatzeder   als Miriams Nachbar

"Schlösser-Knacken mit Parkinson"

Leander Haußmann bringt "Dinosaurier - Gegen uns seht ihr alt aus!" als Familien-Unternehmen ins Kino. Der Film ist ein Remake von Bernhard Sinkels "Lina Braake" (1974) - der Regisseur und Schauspieler steht zu seinem Faible für (UFA-)Komödien und nimmt als nächstes "Hotel Lux" in Angriff.

Leander Haußmann, hier mit seinen Darstellern Ezard Haußmann und Walter Giller (Foto: Constantin) Großansicht

Leander Haußmann, hier mit seinen Darstellern Ezard Haußmann und Walter Giller (Foto: Constantin)

Im Kino scheinen Sie auf komische Stoffe abonniert zu sein?
LEANDER HAUßMANN: Ich bin ein hoffnungslos altmodischer Mensch, meine Filme, wie auch jetzt "Dinosaurier - Gegen uns seht ihr alt aus!", sind altmodisch. Die Kamera ist für mich kein innovatives Instrument, um in ein Nasenloch zu fahren und aus einem Ohr wieder herauszukommen. Die Kamera ist für mich ein Instrument, Schauspieler zu filmen. Ich liebe die alten UFA-Filme, als die UFA noch ganz groß war im Verfilmen von Komödienstoffen und Hollywood die Hand reichen konnte. Ich habe mich diesem Genre verschrieben. Es ist nicht immer dankbar oder wie mein Cutter Peter Adam sagte: "Wenn man mit dir arbeitet, dann sollte man nicht damit rechnen, dass man auf Festivals fährt oder Preise bekommt." Ich muss mal einen Thriller oder Horrorfilm machen oder ein Drama. Schließlich komme ich ja vom Theater. Eigentlich bin ich prädestiniert, viele Genres zu machen, aber wir haben ja Schubladen-Denken, nicht nur im Feuilleton, sondern auch bei den Produzenten.

Wie kamen Sie darauf, die Pensionisten-Komödie "Lina Braake" aufzugreifen?
Alte Schauspieler faszinieren mich. Das liegt auch an meiner Biografie, ich komme ja aus einer Schauspielerfamilie. Bei "Lina Braake" mochte ich schon den Untertitel "Die Interessen der Bank können nicht die Interessen sein, die Lina Braake hat". Und im Film konnte ich so viel Respekt und Liebe für die alten Schauspieler von den jungen Machern entdecken. Ich habe das Projekt lange mit mir herumgetragen. Als ich dann wissen wollte, wer die Rechte hat und deswegen schon mit Bernhard Sinkel telefoniert hatte, stand ich gerade im Büro der Constantin, wo Herman Weigel mir sagte, sie lägen seit Jahren bei ihnen. Das Remake sollte ein amerikanischer Regisseur machen. Weigel drückte mir das Drehbuch "Old Bones" in die Hand. Der Titel gefiel mir nicht. Ein befreundeter Intendant nannte sich immer "einen übriggebliebenen Dinosaurier" - das gefiel mir.

Haben Sie bei der Besetzung der männlichen Hauptrolle gleich an Ihren Vater gedacht?
Ich möchte nicht den Eindruck von Vetternwirtschaft erwecken. Aber Constantin hat meinem zaghaft vorgetragenen Vorschlag, mein Vater solle die Hauptrolle spielen, gleich aufgegriffen. Dass ich dann seinen Sohn spiele, mein Sohn seinen Enkel und meine Schwester, die Altenpflegerin ist, die Schwester Iris spielt, war einfach praktisch. Zu wissen, wer die Hauptrolle spielt, während man das Drehbuch schreibt, ist im übrigen auch sehr hilfreich. In seiner Rolle des Johann Schneider steckt nicht nur viel von dem Herrn Schneider, den wir alle kennen, sondern auch von meinem Vater.

Ist es nicht schwierig, als Regisseur seinen Vater als Schauspieler quasi "herumzukommandieren"?
Ich kommandiere keine Schauspieler herum, schon gar nicht meinen Vater. Auch Artistenfamilien arbeiten ja zusammen auf dem Hochseil. Aber wir haben uns natürlich auch gestritten, uns sogar einmal angeschrien. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich mit meinem Vater arbeite. Das mache ich schon seit 20 Jahren am Theater.

Ist das Arbeiten mit älteren, erfahrenen Schauspielern nicht anders als mit den jungen?
Nein, das ist eine Legende. Walter Giller hat beispielsweise immer noch das kindliche Gemüt und die direkte Art, Dinge zu spielen wie als junger Mann. Das Spannende ist einfach, dass man diese Gladiatoren noch einmal in die Arena geschickt hat. Das wird man so nie wieder zu sehen bekommen.

In vielen Szenen gibt es nicht nur mehrere Spielarten von Komik, sondern es sind auch mehrere Darsteller versammelt. Um Komik und Spiel auf den Punkt zu bringen, brauchten Sie da viele Takes?
Ein Take reichte meistens. Das hat nicht unbedingt damit zu tun, dass wir alle Genies sind, sondern damit, dass die Drehzeiten hier in Deutschland so knapp bemessen sind.

Wie schätzen Sie, wird "Dinosaurier" ankommen? Es könnte schwieriger werden, ein Publikum für einen Film zu gewinnen, der nicht dem üblichen Schema entspricht.
Die Erfahrung zeigt, dass die Leute eigentlich gerade in Filme gehen, die nicht dem üblichen Schema entsprechen. Mein ganzes Oeuvre besteht aus Filmen, in die angeblich keiner geht. Das fing mit "Sonnenallee" an. Auf den Film hat bis zu seiner Fertigstellung keiner einen Pfifferling gegeben - bis auf zwei, drei heldenhafte Ausnahmen -, weil er etwas Neues war. Ich mache keine Filme mit Blick auf Zuschauerzahlen, sondern Filme, die interessieren könnten. Jeder Mensch kennt die Problematik mit Pflegeheimen, hat Eltern und wird selbst alt. Aber Alter, Krankheit und Tod sind hierzulande mit "E" wie "ernst" behaftet, im Gegensatz zu Geburt und Kindern. Ich kann mich für Fotos aber schlecht mit meinen Darstellern auf die Spielmatte legen wie Kollege Til Schweiger, wobei man "Dinosaurier" durchaus als die Spiegelung von "Zweiohrküken" sehen könnte. Ich wollte einen Film machen, der von Alzheimer bis Zuckerkrankheit nichts auslässt. Ich wollte ihn aber so machen, dass die Leute lachen können und mit dem Gedanken aus dem Kino gehen, wie wichtig es ist, sich die Freude am Leben zu erhalten. Ein Drama mit diesen Themen mache ich mit links, da brauche ich nicht einmal 36 Drehtage. Es ist schwieriger, einen Parkinson-Kranken, der versucht, ein Schloss zu knacken, so darzustellen, dass es lustig ist und gleichzeitig rührt. Inwieweit das gelungen ist, sollen die Zuschauer entscheiden.

Wie ist der Stand bei Ihrem nächsten Projekt, "Hotel Lux", der Geschichte eines Berliner Kabarettisten, der wegen einer überzogenen Hitlerparodie 1938 nach Moskau ins gleichnamige Hotel flüchtet, und dort für Hitlers Astrologen gehalten wird?
Ich beginne mit der dritten Drehbuchfassung. Gedreht werden könnte dann im nächsten Herbst, leider nicht an Originalschauplätzen in Moskau. Wir suchen noch nach Locations. Helmut Dietl verkaufte das Projekt an Günter Rohrbach. Und der möchte die Realisierung gerne noch erleben. Ich helfe ihm dabei. "Hotel Lux" wird ein Schelmen-Film, wieder einmal etwas Neues. Wobei aber eigentlich alle meine Figuren Schelmen sind.

"Hotel Lux" ist das erste von drei geplanten Projekten mit der Bavaria.
Der Vertrag beinhaltet nicht nur Regiearbeiten von mir. Neben der Vorbereitung von "Hotel Lux" und der Herausbringung von "Dinosaurier" möchte ich noch ein Drehbuch nach literarischer Vorlage für die Bavaria schreiben. Das muss ich aber nicht selbst inszenieren. Außerdem mache ich mit Sven Regener zusammen eine Werkstatt mit Studenten der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch zu seinem dritten Lehmann-Buch "Der kleine Bruder", das ich in absehbarer Zeit zu verfilmen gedenke. Nach "Dinosaurier" bin ich froh auch wieder mit ganz jungen Menschen zusammen zu arbeiten.

 

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