
Mit einem poppig-bunten Bilderrausch und der Story einer Macht und Manipulation trotzenden Rennfahrerfamilie haben die "Matrix"-Macher erstmals junge Zuschauer für ihre visionären Actionwelten im Visier.
Gab es in "Matrix" noch Pillen zur Bewusstseinstäuschung und Wirklichkeitserfahrung, kennt "Speed Racer" nur eine Droge, die auch im Triumph konsumiert wird: Milch. Ein Symbol für die veränderte Zielgruppenperspektive der Wachowski-Brüder für ihre Adaption der japanischen Kult-Zeichentrickserie der Sixties. So sind auch die Helden wirklich Milchgesichter - ob sie nun mit Traumauto und Kulleraugenfreundin oder einem Schimpansen das Böse bekämpfen.
Der eine ist Speed (Emile Hirsch), nach dem Unfalltod seines Bruders Rex die Frontfigur im Racer-Rennfahrerclan. Der andere ist Speeds kleiner Bruder, die Identifikationsfigur für rebellische Racker. Der Antagonist ist ein Konzernchef, der Rennen manipuliert, um Profite maximieren und den Geruch von Macht inhalieren zu können. Als Speed nicht für ihn fahren will, bedroht das Großkapital den Kleinbetrieb, der von der resoluten Mutter und dem Konstrukteursvater geführt wird.
Diese idealisierte Familie ist die Realisierung des elementarsten Kinderwunschs, der Sehnsucht nach einem emotionalen Hafen, in dem sich alle Wellen glätten. Einen anderen, das Rasen mit coolen Boliden und giftigen Gegnern, erfüllen die Wachowskis mit Rennkursen, die mit extremen Gefällen, Kurven und Schanzen an Achterbahnen und Skateboard-Parks erinnern. Speed wird hier mehr geboten als Dramatik, weil der Schnitt einen Spannungssog selten zulässt, weil trotz übelster Crashs niemand zu Schaden kommt, weil Überblick in der Orchestrierung von springenden, fliegenden, Pirouetten schlagenden Autos nur die Figuren auf der Leinwand haben. Mehrere Rennen bis hin zum finalen Grand Prix flankieren den Plot, in den auch das Geheimnis um Speeds verstorbenen Bruder eingebunden ist.
Den Charme und Witz, den die Rückblenden in Speeds Kindheit zeigen, können die Wachowskis nicht zweistündig konservieren. Figuren und Gefühle treten hinter der optischen Wucht von Schwenks und Zooms, Lichtspielen und Farbrausch, Backgroundcollagen und surrealen Kompositionen zurück. Handgreifliche Action ist auf eine Ninja-Attacke und kleinere Prügeleien reduziert. Sonst dominieren Motoren in diesem in Babelsberg, wie "Sin City" mit Greenscreens und Digitaltechnik entstandenem Big-Budget-Abenteuer. Künstlichkeit ist Stilprinzip in diesem Mix aus "Spy Kids", "Tron", "Rollerball", "The Fast and the Furious" und "Starlight Express", in dem deutsche Filmprominenz Gastauftritte hat und Koreas Popidol Rain die Brücke zum asiatischen Markt schlägt. Nicht jeder Zuschauer wird die visuellen Wunder und den Aufwand dahinter erkennen oder honorieren können. Dennoch haben die Wachowski-Brüder hier eine eigene Welt, unabhängig von bekannten Realitäten, geschaffen. Eine Welt für die kleinen Fantasten, frei nach dem Motto der Coen-Brüder aus "Hudsucker - Der große Sprung": "You know, for kids!". kob.