
Bei seinem englischsprachigen Regiedebüt, einer gefühligen Romanadaption, kümmert sich der gelernte Kameramann Lajos Koltai eher um die Form als den Inhalt.
Eine alte Frau liegt im Sterben. Ihre Gedanken wandern zurück in ihre Jugend. Im leichten Sommerkleid entsteigt sie einem stromlinienförmigen 50er-Jahre Bus. Ein junger Mann, eine klassische, dem Alkohol zugetane F.-Scott-Fitzgerald-Figur - auf dessen "Der große Gatsby" wird später noch explizit hingewiesen - umarmt sie, verfrachtet sie schwungvoll in sein todchices Cabrio. Ganz klar: neuenglischer Geldadel. Auf Susan Minots 1998 erschienenem Roman basieren diese "Spuren eines Lebens", die der ungarische Regisseur Lajos Koltai ("Fateless - Roman eines Schicksallosen") nun seiner ersten englischsprachigen Inszenierung zu Grunde legt. Das Werk funkelt und blitzt, ist auf Optik bedacht, schwelgt in schönen Bildern, aufwändiger Ausstattung und luxuriösen Kostümen - schließlich ist Koltai gelernter Kameramann und hat unter anderem für Istvan Szabo ("Mephisto") und Giuseppe Tornatore ("Der Zauber von Malèna") das Licht gesetzt.
Auch die Besetzung ist eine Klasse für sich. Ann Lord, die greise, zwischen den Zeiten pendelnde Dame, spielt Vanessa Redgrave. An ihrem Bettrand nehmen die Töchter Platz, die Rebellin (Toni Collette), wild, mit wechselnden Beziehungen, und die Brave (Redgraves Tochter Natasha Richardson), verheiratet, zwei Kinder. Claire Danes gibt die junge Ann, eine aspirierende Sängerin, als Brautjungfer ihrer High-Society-Freundin Lila (Mamie Gummer) ins Sommerhaus der Familie auf die Hamptons geladen. Da trifft sie den wettergegerbten Harris (Patrick Wilson aus "Little Children"), einen virilen Mediziner, dem die Herzen nur so zufliegen - auch das von Lila und deren Wildfang-Bruder Buddy (Hugh Dancy), bereits erwähnter Cabrio-Besitzer und Möchtegern-Poet, der es nicht verwinden kann, dass jemand die Zeile "Nennt mich Ismael" schon lange vor ihm zu Papier gebracht hat.
Susan Minot selbst und Michael Cunningham, der die Buchvorlage zu "The Hours" besorgte, zeichnen für das Drehbuch verantwortlich, das zwar den versammelten Stars Anlass zum Schaulaufen gibt, ihnen in der Folge jedoch nicht den Weg weist. Stil geht vor Inhalt, Probleme bereitet höchstens die richtige Sitzordnung, über der Lilas Mama - blasiert-souverän: Glenn Close - brütet. Ann, die im Greenwich Village wohnt, passt nicht in diese blasierte Gesellschaft. Und doch übt sie eine gewisse Faszination auf sie aus, wie auch Harris, der Naturbursche. Sie schwankt... und sonst? - (fast) nichts. Man parliert, man flaniert, man kopuliert und hochzeitet. Meryl Streep als in die Jahre gekommene Lila stattet Ann einen letzten Besuch ab und als Nachtschwester huscht die große britische Aktrice Eileen Atkins durchs Bild. Eine gefühlige Romanadaption, luftig leicht wie das feine Gurkenbrötchen zum High Tea - und genauso wenig sättigend. geh.