
Durch die Trennung der Eltern und erste Liebeserfahrungen reift ein Jugendlicher zum verantwortungsvollen und selbstbewussten jungen Mann.
Nach ihrem preisgekrönten Kurzfilm "Musik nur wenn sie laut ist" gibt Marie Reich mit dieser leisen Coming-of-Age-Story ihr Regiedebüt. Basierend auf Julia Clarkes gleichnamigen Roman setzt die Tochter der Produzenten Uschi Reich und Peter Zenk breit gefächert auf die Lebens- und Gefühlswelt Jugendlicher und auf ihren Hauptdarsteller François Göske, der schon in "Das fliegende Klassenzimmer" und "Bergkristall" sein Talent unter Beweis stellte. Er spielt den 15-jährigen Alex (was mit seinen 20 Jahren etwas riskant ist), dessen junges Leben so richtig durcheinander geschüttelt wird. Die Eltern trennen sich und planen den Verkauf des Familienhauses, Vater hat eine schwangere Freundin und Mutter einen neuen Lover, mit dem sie den Sommer in Südengland verbringen will. Alex begleitet sie nur widerwillig in die für ihn öde Pampa von Kent. Als er dort ein ausgeflipptes Mädchen kennen lernt, gefällt ihm die neue Umgebung schon besser, obendrein verknallt er sich in seine aus Amerika angereiste "Fast"-Schwester, doch bevor er das Kribbeln im Bauch richtig deuten kann, muss er zurück zum durch die verfrühte Geburt des Babys völlig überforderten Daddy. Im heimischen Chaos übernimmt er Verantwortung wie ein Großer.
Mit leichter Hand und melancholischem Unterton sind Unbill und Unsicherheiten eines Heranwachsenden inszeniert, der seinen Gefühlen noch nicht traut und wenn's um Mädels geht, alles falsch macht. Kein Wunder, dass ihn der "Summertime Blues" packt. Marie Reich gelingt ein atmosphärisch stimmiges Erstlingswerk, sie nimmt ihre jugendlichen Protagonisten ernst und verzichtet konsequent auf krude Teenie-Sexkomik oder kitschige Romantic-Comedy-Elemente. Die Jungen müssen noch lernen, Emotionen anzunehmen und auszudrücken, die Älteren haben beides verlernt. Ein authentischer Film über Patchworkfamilien, den komplizierten Prozess des Erwachsenwerdens und die erste Liebe, die Suche nach einem Platz im Leben mit großer Identifikationsmöglichkeit für Jugendliche. Der lockere Umgang mit Problemen, der gut angerichtete Mix aus Tiefgang und zurückhaltendem Humor heben "Summertime Blues" von den 08/15-Filmen dieses Genres wohltuend ab. Zum Auf und Ab der Gefühlwogen passen der Soundtrack mit Musik des Komponisten Youki Yamamoto, der schon für Oliver Stone und JohnWilliams orchestrierte, und die gut getimten Songs des Münchner Komponisten Jakob Anthoff ("Die wilden Hühner"), klassische Rockballaden, die zu Herzen gehen. mk.