
Nach dem AFM-Hit "Saw" beweist nun auch D.J. Caruso ("Salton Sea") mit seinem konsequent umgesetzten, ernsten Thriller nach einem Roman von Michael Pye über einen Serienkiller, der in die Identität seiner Opfer schlüpft, dass nach längerer Durststrecke wieder mit dem Subgenre über soziopathische Mörder mit einem Hang zu grotesken Tötungsgewohnheiten zu rechnen ist. Wie bereits in "Der Knochenjäger" darf sich Angelina Jolie als einzige Frau in einer feindseligen Männerdomäne mit der Aufklärung der merkwürdig miteinander verbundenen Verbrechen befassen.
Diesmal ist sie jedoch keine Polizeiarbeit-Novizin, sondern eine erfahrene Profilerin, deren Fähigkeit, sich in den Kopf der zu jagenden Killer zu versetzen, sie als weibliche Ausgabe des Will Graham aus "Roter Drache" ausweist. Weil die Polizei in Montreal bei ihren Ermittlungen in einer Mordreihe, die zwei Jahrzehnte zurückreicht, auf Granit beißt, wird die Spezialagentin Illeana Scott nach Kanada beordert, was bei den chauvinistischen Beamten Olivier Martinez und Jean-Hugues Anglade nur bedingt auf Begeisterung stößt. Schnell verschafft sich die kühle und unnahbare Schöne mit ihren unkonventionellen Methoden Respekt. Als der Mörder bei einer erneuten Attacke von dem sensiblen Maler James Costa unterbrochen wird, können die Beamten schon bald eine brauchbare Phantomzeichnung des vermeintlichen Täters vorweisen. Als sich auch noch eine ältere Dame (Gena Rowlands in einem Cameo) meldet, die berichtet, sie habe ihren eigentlich vor 19 Jahren verstorbenen Sohn Martin gesehen und müsse vor ihm warnen, weil er gefährlich und unberechenbar sei, kommt Illeana dem Modus operandi des Killers auf die Spur: Von Minderwertigkeitskomplexen geplagt, hat er die eigene Identität hinter sich gelassen und übernimmt mit jedem neuen Mord die komplette Existenz des Opfers. Schnell wird klar, dass James, in den sich Illeana mittlerweile verliebt hat, das nächste Opfer sein könnte. Eine große Überraschung lenkt den Film zu Beginn des dritten Akts noch einmal in eine völlig neue Richtung.
Zurückhaltung und Ökonomie zeichnen diesen trockenen Thriller aus, der sich überflüssige Handlungsvignetten ebenso verkneift wie übertriebene Gewaltszenen. Letztlich sind manche Wendungen willkürlich, was aber die Gesamtwirkung dieses angenehm unaufgeregten Epigonen von "Sieben" und "Das Schweigen der Lämmer" nicht mindert. Angelina Jolie und Ethan Hawke als James liefern in diesem Szenario kühle Performances, in denen kleine Gesten oftmals viel aussagen. Ein Pluspunkt des von Amir Mokri professionell an schönen Locations in Montreal (speziell der Altstadt) gedrehten Films, der sich glücklicherweise nicht ernster nimmt, als nötig ist, seine Geschichte aber dennoch mit dem gebührenden Ernst erzählt, ist der raffinierte Score von Philip Glass, der das nötige Maß an Geheimnis und Bedrohung transportiert, aber auch die Eleganz des gesamten Unterfangens unterstreicht. ara.