
Ein Vater sieht rot im neuen Film von Steven Soderbergh ("Out of Sight"), der mit Terence Stamp und Peter Fonda zwei Ikonen der 60er Jahre auf kalifornischem Terrain in einem Racheduell gegeneinander antreten läßt, als eine von beiden geliebte Figur mysteriös zu Tode kommt. Mit inhaltlicher und stilistischer Ökonomie, knackigen Dialogen, kompromißloser Attitüde und clever integrierten cineastischen Erinnerungen stellt sich "The Limey" unprätentiös als Genrefilm mit Avantgarde-Touch und Unterhaltungsanspruch vor, ohne auf das ganz große Publikum zu schielen.
Artisan Entertainment, die Hollywood mit Einkauf und Marketing von "The Blair Witch Project" dieses Jahr eine Lektion erteilten, stehen auch hinter "Kafka"-Autor Lem Dobbs' Krimi und seiner zugänglichen Handlung, seinem gerade durch seine Versäumnisse zur Identifikation einladenden Protagonisten und seinen Nebencharakteren, die mit Star Stamp leuchten. "The Limey" (US-Slang für einen britischen Seemann und im Sprachgebrauch längst auf die Nationalität verallgemeinert) ist der kürzlich entlassene Knastveteran Wilson, der auf dem ungewohntem Terrain von L.A. den Tod seiner Tochter klären will. Mit dem Bewußtseinsstrom Wilsons, Reflexionen über Vergangenheit und Gegenwart, startet und endet der Film, der gerade zu Beginn durch seine unorthodoxe, verwirrende Montagetechnik auffällt, mit der sich Soderbergh spielerisch von den Erzählgewohnheiten im Mainstream löst. Lakonische Aussparungen gehören ebenfalls zum Konzept wie Dialoge, die einen Schauplatz mit dem anderen verbinden, in dem sie an einem Ort beginnen und an einem anderen fortgeführt werden. Obwohl Stamps Figur am Ballast seiner kriminellen Vergangenheit, die ihm kaum Zeit für seine Tochter ließ, zu tragen hat, und Wilson auf dem Weg zum vermeintlichen Mörder, einem ehemals erfolgreichen Plattenproduzenten (Peter Fonda), kaum Gefangene macht, ist der Ton dieses stark mit Handkameras arbeitenden Low-Budget-Films sowohl nachdenklich als auch humorvoll. Wobei das Reflexive in Wilson selbst wie auch der Freundin seiner Tochter, der Witz in seiner knallharten, schnörkellosen Vorgehensweise und den Reaktionen seiner Kontaktperson (gewohntes Juwel: Luis Guzman) zum Ausdruck kommen. Der Clou dieses intelligenten, aber niemanden überfordenden Unterhaltungsfilms sind schließlich Aussschnitte aus Ken Loachs Sozialdrama "Poor Cow - geküsst und geschlagen" (1967), die Stamp als 30 Jahre jüngeren Kriminellen Wilson zeigen und von Soderbergh clever und Budget sparend als biografischer Background in den Film integriert wurden. Willkommene, aber nicht willkürliche Nostalgie in einem sehr modernen, geradlinigen und sympathischen Genrefilm. kob.