
Mira Nairs zärtlicher und berührender Familienfilm über das Leben indischer Emigranten in Amerika.
Nach den zwei US-Projekten "Hysterical Blindness" und "Vanity Fair" spiegelt diese indisch-amerikanische Koproduktion Mira Nairs eigene Situation: die Seele lebt in Indien, die Arbeit wartet im Ausland. Um diese Zerrissenheit geht es auch in Nairs makelloser Verfilmung des Debütromans der Pulitzer-Preisträgerin Jhumpa Lahiri und darüber hinaus um den Zauber von Indien, den Lernprozess der Generationen und die große abenteuerliche Reise, die das Leben darstellt. Sie beginnt mit einem Zugunglück, das für den jungen Ashoke zum Impuls wird, Indien zu verlassen und sein Glück in Boston zu versuchen. Zwei Jahre später holt der Ingenieur (Irrfan Khan) nach arrangierter Eheschließung seine Braut Ashima (Tabu) nach, reduziert sich die Farbenpracht Indiens zum monotonen Grauweiß des amerikanischen Winters. Das erste in der Fremde geborene Kind nennen sie unter dem Druck, anders als in der Heimat sofort einen Namen finden zu müssen, Gogol - nach Ashokes Lieblingsautor. Bis Gogol erwachsen ist, behält er den provisorischen Namen. Dann wird ihm die Verbindung zu dem einsamen, vom Wahn zerfressenen russischen Genie, aber auch zu seinen Eltern peinlich. Er studiert in Yale, nimmt einen westlichen Namen und die Familie seiner reichen amerikanischen Freundin als seine neue an und vergisst die eigene völlig. Erst eine Tragödie führt ihn zurück, öffnet ihm die Augen über seine Wurzeln und die wahre Bedeutung seines russischen Vornamens, in dem sich die Dankbarkeit seines Vaters über sein geschenktes Leben verbarg. Sensibel begleitet Nair den problematischen Assimilierungsprozeß der Elterngeneration, zeigt aber auch die Schwierigkeit der Kinder, in der neuen amerikanischen Heimat die Bräuche der indischen Vorfahren am Leben zu erhalten. Fremd in der Heimat, so erleben es die Kinder bei Besuchen in Indien, wo Armut, Enge, Chaos und unglaubliche Wunder faszinierend verschmelzen. Mit den indischen Stars Tabu und Irrfan Khan gibt es wunderbare Darsteller zu bestaunen, mit klugen Dialogen auch verbale Reife zu hören. Besonders anziehend aber ist der charmante leise Humor, der sich mit den emotionalen Momenten geglückt verbindet. Wer in Florian Gallenbergers kleinem Meisterstück "Schatten der Zeit" für sich eine Entdeckung machen konnte, wird auch in "The Namesake" fündig werden. kob.