
Rainer Werner Fassbinder provoziert. Immer noch. Achtzehn Jahre nach seinem Tod verfilmte der französische Regisseur François Ozon ("Sitcom") Fassbinders mit 19 Jahren geschriebenes und nie von ihm aufgeführtes Stück "Tropfen auf heiße Steine" und belegt, wie wenig sich in Paarbeziehungen seit RWFs Zeiten verändert hat. Eine der Entdeckungen der Berlinale und tagelang diskutiert.
Das stilisiert kühl und distanzierte Drama um sexuelle Hörigkeit, Rituale in Paarbeziehungen und Gewalt und psychisch Brutalität im Alltag sollte in Arthouse- und Off-Kinos bei gezieltem Engagement reüssieren. Ozon nahm sich Fassbinders "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" (1972) und Alain Resnais' "Smoking/No Smoking" (1996) als Vorbilder für die Filmadaption: Studio, ein Schauplatz, keine Außenaufnahmen, die Kamera frontal aufs Geschehen konzentriert. Der naive junge Franz (Malik Zidi) zieht bei dem wesentlich älteren erfolgreichen Geschäftsmann Leopold (Bernard Giraudeau) ein und wird von ihm ausgehalten. Ihre Abhängigkeiten, Rollenspiele und Manipulationsversuche nehmen gefährliche Formen an. Als Franz' Freundin Anna (Ludivine Sagnier) und Leopolds ehemalige Geliebte Vera (Anna Thomson, "Sue", "Fiona"), die zur Transsexuellen wurde, in die Szene platzen, endet die Konfrontation auf engem Problemraum für einen zu stark Liebenden tödlich.
Als sich die vier Darsteller plötzlich aufstellten und die Musik von "Tanze Samba mit mir" wie in einem Befreiungsakt grotesk und bewegend zugleich umsetzten, gab es in Berlin den längsten spontanen Szenenapplaus. Die Schauspieler sind in ihrem Nuancenreichtum ebenso bewunderungswürdig, wie die ironische Imitation der deutschen 70er Jahre vom Staubsauger über das Groschenheft bis zum Kaffeegeschirr. Heinrich Heines "Lorelei"-Gedicht und Franz' Lederhose vervollständigen die perfekte Germanisierung dieser französischen Würdigung des deutschen Autorenkinos, die unbedingt einen Verleih finden sollte. ger.