
2001 hat Jan Hinrik Drevs einen Film des dokumentarischen ARD-Dreiteilers "Dogsworld" gedreht. Es ging bei ihm um ein US-amerikanisches Programm namens "Puppies behind bars" - "Welpen hinter Gittern" -, bei dem Schwerverbrecher im Hochsicherheitstrakt eines New Yorker Gefängnisses Blindenhunde ausbilden und dabei ihre Emotionalität entdecken. Die positive Wechselwirkung zwischen Tier und Mensch - "Das letzte Wort über die Wunder des Hundes ist noch nicht geschrieben", notierte einst Jack London -hat den leidenschaftlichen Hundebesitzer und Regisseur Drevs veranlasst, diese Erfahrung in einem Drehbuch zu einem Knastfilm der etwas anderen Art festzuhalten.
(Anti-)Held ist ein "typischer" Knacki, maulfaul, introvertiert und gewaltbereit: Mosk (ideal besetzt: Thomas Sarbacher aus "Die Welle"), ein Einzelgänger, der nichts anderes im Sinn hat, als die gefängnisinternen Meisterschaften im Gewichtheben zu gewinnen. So weit nichts Neues. Doch dann kommt der "Alcatraz-Effekt". Nicht in Form eines Vogels, sondern von sechs niedlichen Labradorwelpen, die die neue Gefängnisdirektorin (überaus wandlungsfähig: Clelia Sarto, die Daniela Schmitz aus der "Lindenstraße") unter Anleitung eines externen Hundetrainers (knorrig-minimalistisch: Kino-Urgestein Hark Bohm) zu Blindenhunden ausbilden lassen möchte. Freiwillige werden für das Experiment gesucht. Dutzende melden sich, aber ausgerechnet der widerwillige Mosk muss an dem innovativen Projekt teilnehmen.
Wer jetzt ein modernes (TV-)Märchen erwartet, vom bösen Buben mit dem goldenen Herzen, wird von dieser stimmigen Wüste-Film-Produktion ("Emmas Glück", "Gegen die Wand") eines Besseren belehrt. Mosk ist ein harter Hund, einer, der seinen Welpen kurzerhand aus dem Bett wirft und sich auch nicht durch Drohungen zur Räson bringen lässt. Genauso wenig wie der ihm zugeteilte Vierbeiner, den er in "Der Mann, den sie Pferd nannten"-Manier schlicht "Hund" tauft, macht er "Männchen", und "Pfötchen" gibt er schon gar nicht. Er, der sich mit Ohrstöpseln von der Außenwelt abkapselt, muss erst lernen, über den Knast hinauszudenken, zu verbalisieren und kommunizieren. Perfekt fangen Peter Przybylskis ("FC Venus") farblos-atmosphärische Bilder den trostlosen Gefängnisalltag ein, gut harmoniert das geschickt zusammengestellte Ensemble, dem als Häftlinge unter anderem Ingo Naujoks (der WG-Genosse von "Tatort"-Kommissarin Maria Furtwängler) als wieseliger Opportunist und Kida Ramadan ("Kebab Connection") als eine Art comic relief angehören. Fazit: Vitale, dichte Milieustudie und gleichzeitig spannendes, ambitioniertes Resozialisierungsdrama ohne erhobenen Zeigefinger. geh.