
Der vierte Film des Neo-Noir-Spezialisten John Dahl, ist ein sardonischer Medico-Noir-Psycho-Thriller mit Horror-Elementen a la "Jekyll und Hyde" und eine der spannendsten Surprise-Suspense-Storys der letzten Zeit. Mit Ray Liotta in gewohnt manischer Schauspielerqualität und Linda Fiorentino, die nach der Femme ultra-fatale aus "Die letzte Verführung" diesmal als nervöse Labormedizinerin mit linkischen Liebesambitionen antritt, dürfte bei der Klientel eleganter und extrem ausgeklügelter Krimis nichts schiefgehen.
Dahl war es leid, nach "Kill Me Again", "Red Rock West" und "Die letzte Verführung" erneut Menschen auf der Jagd nach Dollars rotieren zu lassen. Die Jagd führt statt dessen in das Innerste des Menschen, in sein Gehirn. Mit Hilfe einer erhöhten Dosis injizierter Erinnerungsauslöser jagt Ray Liotta als Gerichtsmediziner, der seine Frau nicht vergessen kann, nach ihrem Mörder. Er kommt dabei erst einem anderen Fall auf die Spur und kann im Finale einen hohen Polizeibeamten als Mehrfachmörder entlarven (Peter Coyote gibt ihn mit Havannazigarre als Zyniker mit Zartbittermomenten).
Die an sich einfache Story wird durch zwei Faktoren ungeheuer interessant: Zum einen durch Linda Fiorentino, die diesmal sozusagen von der zweiten Reihe als Labormeisterin mit Rattentests arbeitet und Liotta den Herzinfarkt voraussagt, den ihm die ständig erhöhten Dosierungen bringen werden, und die ihn aber - Wissenschaft ist Wissenschaft - als ihr lebendes Versuchskaninchen nicht aus den Notizbuchaugen läßt und sich in den Mann mit dem Psychotrauma und der Verdächtigungspsychose verliebt: bis ins Reich der Toten. Der zweite Faktor ist die Machart: Mit ineinander blitzartig verschachtelten Rückblenden wird die Story höllisch unsicher und ein Balanceakt zwischen Realität und beginnendem Irrsinn. Wäre nicht Coyote in der Besetzung vorgegeben, man würde den Täter diesmal nicht so schnell entdecken. Dahl hat die komplizierte Struktur durch ein Tondesign bereichert, das in den Sessel drückt: Geräuschverstärkungen, Verzerrungen und Überlappungen sorgen für nervöses Trommelfell und lösen Assoziationen an Bilder aus, die man in dem für Dahl teils recht blutigen Film nicht für möglich hält. Der Jazz-Score, das offene unhappy ending mit Nat King Coles "Unforgettable" machen den neuen Dahl-Driver zum Krimi-Diamanten in perfekter Schnittfassung. ger.