
In seinem hochkarätig besetzten Ensemble-Stück würzt Zoltan Paul klassisches Boulevard-Theater mit makabren Gags, markigen Sprüchen und brutalen Tarantino-Szenarien.
Deftige Dialoge, geschmacklose Witze und neun Hauptfiguren, die mehr oder weniger nachvollziehbar miteinander etwas zu tun haben - dies sind nur ein paar jener Ingredienzien, die der gebürtige Ungar Zoltan Paul in seine an klassisches Boulevardtheater angelehnte Krimikomödie gepackt hat. In "Unter Strom", seiner zweiten Kinoregiearbeit, gelingt ihm das Kunststück, seine Geschichte an nur drei Schauplätzen spielen zu lassen: in einem Gerichtsgebäude, einem Jaguar und einem einsamen, in einem Waldstück gelegenen Häuschen.
Ins Rollen gerät das Ganze durch den Ganoven Frankie (Hanno Koffler), der sich zu Unrecht verurteilt fühlt und auf der Flucht vor der Polizei ein gerade geschiedenes Paar, Daniel und Anna (Harald Krassnitzer & Catrin Striebeck), als Geisel nimmt. Dazu gesellen sich eine Polizistin (Sunnyi Melles), die in ihren Chef (Ralph Herforth) verliebt ist, der ein Verhältnis mit Minister van Möllerbreit (Tilo Nest) hat, der wiederum von Frankie als weitere Geisel genommen wird. Die Neuner-Konstellation perfekt machen des Ganoven Freundin (Anna Fischer), die von dessen besten Kumpel (Robert Stadlober) schwanger ist, und schließlich Annas Lover (Franz Xaver Zach), der mit einer Überdosis Viagra in der Waldvilla seine Angebetete erwartet.
Ein dauererigiertes Glied und Sprüche wie "Ich würde lieber ein Känguru f... als dich" geben die Marschrichtung in einem Film vor, in dem sämtliche Beteiligten nicht nur sexuell unter Strom zu stehen scheinen. Auch mit einer gewissen Tarantino-Brutalität inklusive Filmblut und abgeschnittenem Finger geht Zoltan Paul ganz und gar nicht sparsam um. Gleiches gilt für Flüssigkeiten aus der Magengegend, die über den Vordereingang wieder nach draußen drängen. Diese drastischen, zum Teil durchaus auch Ekel erregenden Szenen können aber nicht darüber hinweg täuschen, dass es dem Plot an Struktur fehlt, dass das Personen-Gefüge arg konstruiert wirkt und manche Beziehungsstränge die Fantasie des Betrachters auf eine harte Probe stellen. Dennoch werden etwa Cineasten an Stadlobers stets Filme zitierender Figur ihren Spaß haben, wie überhaupt am gesamten Darsteller-Ensemble, aus dem insbesondere die Frauen herausragen: Theater-Aktrice Sunnyi Melles als liebeskranke, treudoofe Gesetzeshüterin, Nachwuchs-Star Anna Fischer ("Fleisch ist mein Gemüse") mit kecker Mireille-Mathieu-Frisur und auch Catrin Striebeck, die als Krassnitzers zänkische Ex-Frau die pfiffigsten Oneliner zu bieten hat. Wenn man dann auch noch einem weiteren Spruch in "Unter Strom", der besagt, dass "alle großen Rätsel des Lebens in Filmen gelöst werden", Glauben schenken mag, dann könnte man diesem kohlrabenschwarzen Gangster-Klamauk sogar so etwas wie philosophischen Tiefgang unterstellen. lasso.