
Großes Gefühlsdrama um die Begegnung einer älteren Pianistin und einer jungen Mörderin, die zwischen Selbstzerstörung und Selbstverwirklichung taumelnd in der Kraft der Musik die Kraft zum (Über)Leben findet. Die verstörende Performance sollte für Hannah Herzsprung den Durchbruch bedeuten.
Standing Ovations in Hof, Preis als Bester Film in Shanghai, Haupt- und Publikumspreis in Biberach, weltweite Verkäufe: Chris Kraus kann zufrieden sein. Sein zweiter Film nach "Scherbentanz" hat all das, was das Kinopublikum liebt - extreme Gefühle, Figuren, die Reibungen provozieren, bis an die Substanz gehende emotionale Machtkämpfe, eine austarierte Balance zwischen Poesie und Härte und zwei Schauspielerinnen, die die Leinwand zum Beben bringen: die erfahrene Monica Bleibtreu als Pianistin Traude Krüger, die seit 60 Jahren im Gefängnis Klavierunterricht gibt und Hannah Herzsprung in ihrer ersten Hauptrolle als unberechenbare Mörderin Jenny, die in Zorn und Traurigkeit erstickt, ihre brennende Sehnsucht nach Zuneigung mit tiefem Hass und wilder Wut kaschiert. Dazu eine hochkarätige Besetzung bis in die kleinste Nebenrolle hinein, Judith Kaufmanns virtuose Kamera und eine fulminante Musik. Die beiden Frauen schenken sich nichts und wenn die Lehrerin in der ersten Stunde die wichtigste Regel aufstellt: "Sei demütig. Es geht nicht um dich", ist es bis zum ersten Zusammenprall nicht weit.
Troublemaker Jenny schlägt zurück, bevor ein anderer sie schlagen kann, so prügelt sie einen der Wächter krankenhausreif und geht keiner gewalttätigen Konfrontation aus dem Weg. Aber der Widerspenstigen Zähmung gelingt, jedenfalls spielt sie, vor ihrer Inhaftierung ein musikalisches Wunderkind, sogar hingebungsvoll Schumann, auch wenn sie lieber mit blutenden Händen Rock'n'Roll in die Tasten haut. Und irgendwie gelingt die vorsichtige Annäherung zwischen den gegensätzlichen Figuren - der Alten, die in früher Jugend Schuld auf sich lud und seitdem wie traumatisiert dem Leben nur zuschaut, und der Jungen, die das Leben aus diffuser Rebellion heraus verweigert. Beide sehr reserviert, sehr willensstark, sehr verletzbar und gleichzeitig sehr verletzend. Wenn am Ende Traude Krüger dem Mädchen hilft, heimlich die Zelle zu verlassen, um gegen alle Widerstände am Talentwettbewerb teilzunehmen, geht sie erstmals in ihrer Existenz aus der Gefühlsdeckung. Herzzerreißend die letzte Szene, in der Hannah Herzsprung ihre Musik spielt, nicht Schumann, sondern die "Negermusik". Sie kostet die vier ihr verbleibenden Minuten auf der Bühne aus, kommt endlich bei sich an, macht Frieden mit sich. Dass anschließend coram publico die Handschellen klicken, nimmt ihr nicht die Freiheit, die hat sie in sich selbst gefunden. Die innere Melodie des eingefrorenen Bildes klingt lange nach. mk.