
Der Eröffnungsfilm des Verzaubert Filmfestivals ist ein famos ausgestattetes und elektrisierend gespieltes Porträt einer zerfallenden Jet-Set-Familie, schockt mit Inzest und Tragik, betört mit Kunstfertigkeit.
Historisch verbürgt sind die Fakten der Baekeland-Dynastie, festgehalten im Buch von Natalie Robins und Steven Aronson - kein Drehbuchautor könnte ein derart pathologisches Familienverhältnis erfinden. Sechs Akte zwischen 1946 und 1972 sucht sich Tom Kalin heraus, sechs Vignetten einer zerbrechenden Reichen-Ehe und den tragischen Folgen von Einsamkeit und emotionaler Orientierungslosigkeit, erzählerisch elliptisch und auf hohem künstlerischen Niveau. Mag Julianne Moore anfangs im Lauren-Bacall-Look Dutzende Kostüme spazieren tragen, "Wilde Unschuld" ist weder Kostümfilm noch "Dekotainment", auch wenn die Ausstattung formvollendet bis ins Detail ist. Die Stimmung zwischen dem gefühlskalten Zyniker Brooks (Stephen Dillane) und seiner frustrierten, gefallsüchtigen Frau Barbara (Moore), die ihm in keiner Hinsicht gewachsen ist, befindet sich schon in Minute eins am Gefrierpunkt. Gegenseitige Provokationen und Pikanterien steigern sich zu einem kalten Ehekrieg, bei dem der heranwachsende Sohn Tony (Eddie Redmayne) von Barbara für Scharmützel gegen ihren Mann missbraucht wird.
Das hinterlässt Spuren bei dem Jungen, der früh seine Homosexualität entdeckt. Als ihm der Vater die blutjunge Freundin ausspannt, verletzt er damit aber nicht ihn, sondern Barbara: Spätestens als Brooks sie mit seiner Geliebten verlässt, wird klar, dass Julianne Moore wieder "Dem Himmel so fern" ist, mit der Langeweile des Jet-Set-Lebens die eigene Leere und Isolation nur verschärft und sich nach Bindung sehnt, die sie ausgerechnet bei ihrem Sohn findet - in einer unheilvollen inzestuösen Beziehung, die sich längst abgezeichnet hat. Das stete Umziehen der Familie gleicht einer Flucht vor sich selbst; seine Probleme nimmt man freilich immer mit.
Leichtes Leben, schweres Herz: So verloren war Julianne Moore noch nie, was Kalin perfekt inszeniert - der Film findet in einem eigenen Universum statt, erlaubt keinen Kontakt zur Außenwelt. Geschickt changiert Kalin dabei zwischen Moore und Redmayne als Hauptfiguren, feiert erst die Freiheit der Sexualität, lässt sie dann Amok laufen, bis zu einem expliziten Inzest, dem Endpunkt der Dekadenz. Gewissermaßen ein "Fall of the House Usher" als verstörendes Erotikpsychomelodram von fast unerhört subtilem Suspense, mit exquisiten Schauspielerleistungen und einer gleichwertigen Regie, die reif genug ist, keine Erklärungen oder Psychologisierungen zu liefern, denn: "Männer tun, was Männer tun." Cineastische Feinschmecker werden das goutieren. tk.