
Davon, dass Liebe auch mit über 60 noch weh tun kann, erzählt Andreas Dresens fernab von Jugendkult und gesellschaftlichen Klischees und wurde dafür beim Filmfest in Cannes 2008 in der Reihe "Certain Regard" mit dem "Coup de Coeur" ausgezeichnet
Weder die Jungen, Schönen noch Erfolgreichen bevölkern hier die Leinwand, sondern Menschen, die nicht ins übliche Raster von Lust und Leidenschaft in zerknüllten Laken passen. Das Tabuthema Liebe im Alter packt Andreas Dresen kompromisslos und mit großer Zärtlichkeit für seine Protagonisten an. Inge ist ungefähr Mitte 60, seit über 30 Jahren mit Werner verheiratet, der Stunden vor dem Fernseher verbringt oder sich mit Eisenbahnen beschäftigt. Es könnte immer so weitergehen wie bisher, doch dann passiert es: Urplötzlich hat sie Schmetterlinge im Bauch wie eine 17Jährige. Das Objekt der Begierde ist kein jüngerer Mann, wie man erwarten möchte, sondern Karl, fast 76 und kein bisschen weise. Sie halten nicht nur Händchen sondern haben Sex, nicht unter der Decke oder mit Weichzeichner, sondern auf dem Teppich oder in der Badewanne. Die Kamera bleibt ihnen nahe, scheut sich nicht, welke Haut, graue Schamhaare oder Altersflecken zu zeigen, Körper, die nicht Sonnenstudio gebräunt oder Fitnessstudio gestählt sind. Ganz einfach Individuen, die ihren Empfindungen folgen, sich nicht der herrschenden Vorstellung von Alter unterordnen, sondern es noch einmal wagen, gegen jede Konvention. Und das ist das Schöne an diesem funkelnden Wunderfilm, der uns trotz großer Ernsthaftigkeit und Dramatik auf Wolke Neun entführt. Dresen gehört zu den Regisseuren, die ein Händchen für Authentizität beweisen, den Alltag ohne Sozialromantik oder -larmoyanz schildern, mit Humor, einem kleinen Tränchen und Hoffnung wie schon in "Sommer vorm Balkon" oder "Halbe Treppe". Dass das Experiment gelingt, liegt auch an der Leistung von drei Schauspielern: Horst Rehberg als Ehemann, der es einfach nicht verstehen kann, dass seine Frau ihn verlässt und daran zerbricht, Horst Westphal als Liebhaber, der sein spätes Glück um die Endlichkeit wissend genießt und natürlich Ursula Werner, als Hausfrau und Änderungsschneiderin, die nach Jahrzehnten aus dem Kokon von Zufriedenheit, Sicherheit und Gewohnheit ausbricht und sich mit aller Macht ins Risiko stürzt. Die Stille dieses Films fasziniert und gibt die Möglichkeit, sich auf Gesichter als Lebenslandschaften zu konzentrieren, die von durchstandenen Konflikten, tausend Träumen und tiefen Gefühlen erzählen, von der emotionalen Naturkatastrophe namens Liebe. mk.