
Eine Frau im Osten lässt alles hinter sich, um im Westen neu anzufangen. Aber sie kann der Vergangenheit nicht entkommen, den alten Ängsten, dem alten Leben, der alten Liebe.
Yella hält nichts mehr in Wittenberge, der öden Kleinstadt im Osten, wo es nach einer gescheiterten Ehe und gescheiterten Träumen keine Zukunft gibt. Sie macht sich auf nach Westen, auf die andere Seite der Elbe nach Hannover. Nur eine Stunde entfernt, aber dazwischen liegen nicht nur Fluss und Felder, sondern Welten. Wer Christian Petzold kennt, weiß um die versteckten Fallstricke, in denen sich nicht nur die Protagonisten, sondern auch die Zuschauer verfangen und die er auch im dritten Teil seiner sogenannten "Gespenster-Trilogie" genüsslich auslegt. Da geht Yella noch einmal durch die heimischen Straßen, verfolgt von ihrem Mann, der die Realität verdrängt, Liebe und Leben nicht als Rohmaterial sieht, das die endgültige Form noch finden muss, sondern als in Stein gemauertes Bekenntnis und dabei nicht merkt, dass sich das Objekt der Begierde nur noch mehr seinem Drängen entzieht. In Hannover erwartet die junge Frau eine große Enttäuschung, die neue Firma ist in Auflösung begriffen, der Job perdu. Aber bevor Yella sich am nächsten Morgen in den Zug setzt, trifft sie Philipp, ein smarter Typ ohne Skrupel und Sentimentalität tätig für eine Private Equity-Firma, der sich durch die Globalisierung powert. Und Yella bewährt sich als seine Assistentin und Stichwortgeberin, gemeinsam zocken sie in der moralischen Grauzone gutgläubige Kunden ab. Völlig überraschend flammen in der kalten Atmosphäre aus Glas und Stahl Gefühle auf, eine Contradictio, ist Liebe hier doch weniger als ein Wort. Doch in das zerbrechliche Glück schleichen sich Momente der Vergangenheit, Bilder und Stimmen, die das neue Leben bedrohen.
Mit einem gelungenen Kniff stellt Petzold das, was wir gerne einordnen, in Frage, spielt dem, was wir glauben zu sehen und verzaubert mit durchkomponierten Bildern. Mit Devid Striesow und Hinnerk Schönemann sind die Männerrollen hochkarätig besetzt. Aber es ist eine von Melancholie umflorte Nina Hoss, die in ihrer inneren Zerrissenheit die Aufmerksamkeit auf sich zieht, im Wechsel aus Nähe und Distanz, Anspannung und Entspannung. Vergeblich bleibt ihr Versuch, sich in der Vorläufigkeit einzurichten. Verunsichert umgibt sie sich mit Härte als Schutz gegen Verletzungen, nur die Augen lassen tiefe Verwundungen ahnen, schmerzhafte Brüche in der Biografie. Sie hat mehr als nur einen Fluss überquert. mk.