
Film noir in seiner reinen Form, nur mit schottischem Akzent, und die triumphale Rückkehr von Ewan McGregor aus "Star Wars"-Gefilden in die Bereiche grandios komplexer Schauspielkunst kennzeichnen David Mackenzies kraftvolle und verstörende Ballade einer Reise in die Finsternis, bei der Camus' "Der Fremde", Osbornes "Blick zurück im Zorn" und James M. Cains "Postman" Pate standen. In den fünfziger Jahren auf einem Lastkahn spielend, der auf dem River Clyde zwischen Glasgow und Edinburgh pendelt, geht die düstere, morbide und erotische Story um den von McGregor gespielten existenzialistischen Antihelden in einen Mysterythriller über, dessen offenes, einen Höhepunkt verweigernde Ende ebenso für Diskussionen sorgen wird wie die von einer rauen Sinnlichkeit getragenen häufigen Sexszenen zwischen McGregor und den drei Frauen des Films.
Joe Taylor (McGregor) ist ein Drifter, der auf dem Kahn von Les (Peter Mullan) und dessen frustrierter Ehefrau Ella (Tilda Swinton) arbeitet und in seiner von charmantem Zynismus getragenen Art ein Rätsel bleibt. Zu Beginn fischt er mit Les die leicht bekleidete Leiche einer schönen jungen Frau aus dem Hafenbecken von Glasgow. Rückblenden belegen, dass Joe mehr von den Umständen des Todes der attraktiven Cathie (Emily Mortimer) weiß, als seine Umwelt je erfahren wird. Unter der Nase von Les, der an Deck arbeitet, beginnt Joe eine Affäre mit Ella, deren Sohn Jimmy er auf dem Kanal vor dem Ertrinken rettet, und lässt sich auch in Edinburgh, wo er Cathies Schwester Gwen aufsucht (hinreißender Cameo von Therese Bradley, die Humor ins trübe Spiel bringt), nicht von einem exakt eine Zigarettenlänge dauernden wörtlichen One-Night-Stand an einer Straßenecke abhalten. Für den Mord an Cathie wird ein Mann verhaftet, aber Joe ist es, der das umwölkte Gesicht des wahren Verurteilten trägt.
"Young Adam", basierend auf einem vergessenen Roman von Alexander Trocchi, ist in Schauspielleistung, visueller Gestaltung und kompromissloser Erzählhaltung überwältigend. McGregor, gelegentlich an Robert Redford erinnernd, meistert in seiner seit "Trainspotting" besten Rolle den amoralisch sexbesessenen Soziopathen ohne Wurzeln und gefährlicher Bereitschaft, jede sich bietende Chance zu nutzen, mit wahrem Gusto. In einer denkwürdigen Szene, die Fans so schockieren wird wie Liebhaber von Vanillepudding, lässt er seine Wut brutal an Emily Mortimer (unvergessen als Profikiller in "The 51st State") aus, die in ihrer jugendlichen Naivität von seinem sexuellen Magnetismus ebenso angezogen wird wie Tilda Swinton, die sich nach Leidenschaft verzehrt. Peter Mullan gibt in einer kleineren Rolle zurückhaltend den sympathischen Hahnrei, der Volkslieder zum Besten gibt. Außergewöhnlich die Kameraarbeit von Giles Nuttgens, der die Flusslandschaft in kalte Blautöne taucht und enge Räumen im Scopeformat aufnimmt, und David Byrnes melancholischer Score. In Cannes lief "Young Adam" in der Nebenreihe Un certain regard, hätte aber gut in den Wettbewerb gepasst; in Hof ist er zweifellos das Schmuckstück und mit McGregors Namen jede Passage ins Kino wert. ger.