
Sie kann's einfach: Isabelle Huppert ist für herbe Rollen prädestiniert und die beste Zicke, die es gibt - hier als gelangweilte Pariserin mit Bösartigkeitsfaktor 100 nicht zu toppen. In Catherine Frot als naives Schwesterherz vom Land hat sie einen würdigen Gegenpart gefunden. Nicht nur Freunde des französischen Kinos sollten das sich die Bälle zuspielende Damen-Duo genießen.
Chapeau für Alexandra Leclères Spielfilmdebüt! Mit Wortwitz und Dialogschärfe entwirft sie den Zusammenprall zweier Welten und lässt ihre Protagonistinnen das Innere nach Außen kehren. Martine lebt mit Mann und Sohn in einer großbürgerlichen Wohnung und geht tagsüber Kaffeetrinken, Lunchen oder Shoppen. Die eingefrorenen Mundwinkel hängen tief und man merkt, mit dieser Frau ist nicht zu spaßen, weil sie keinen Spaß am Leben hat. Und am ehelichen Sex schon mal gar nicht. Da macht sie gelangweilt die Beine breit und denkt an was anderes. Was den Gatten in die Arme der Kunstgalerie-Freundin treibt, die ihn lustvoll tröstet.
In diese Konstellation platzt Louise, Kosmetikerin und frisch gebackene Buchautorin aus Le Mans. Für wenige Tage logiert sie bei der Schwester und bringt alles durcheinander. Sie plappert, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, läuft in grellbunten Klamotten und gewöhnungsbedürftigem Hutschmuck herum, genießt die Metropole mit großen Augen - die in gedeckten Farben gekleidete Martine geniert sich für das Landei, zählt die Stunden bis zur Abreise. Wer glaubt, nichts könne sie mehr erschüttern, irrt. Als schmerzvolle familiäre Erinnerungen hochkochen, bricht die mühsam gehaltene Balance zusammen, verliert sie die Fassung, bröckelt die Fassade gewaltig.
Trotz aller Dramatik und karthatischen Momenten fehlt es nicht an brillantem Humor und Spitzfindigkeiten, holt der banale Alltag die Heldinnen immer wieder ein. Es wird Tacheles geredet, auch wenn es weh tut. Die Komik erwächst aus den Situationen. Da kippt sich Madame beim Essen mit Freunden Wein rein wie Wasser und strotzt nur so vor Bösartigkeit, während Louise unbekümmert von ihrer großen Liebe erzählt, Basis für das Buch. Und als das Schwesterlein mit Lob bestückt vom Verleger-Gespräch zurückkommt, rastet die Ältere voller Neid und Niedertracht aus. Selten war es so spannend, zu beobachten, wie sich die Verzweiflung in die Seele schleicht, der schöne Schein zerstört wird und ein Mensch vor dem Scherbenhaufen seiner Lebenslügen steht. Mal triumphiert die Leichtigkeit, dann die Beschwerlichkeit des Seins. Die Handlung lebt aus der Stimmigkeit des Milieus, vor allem aber aus den Gegensätzen, dem unterschiedlichen Typ von Frau. Kurzfristig sind sich die Schwestern nahe, dann wieder liegen ihre Sehnsüchte meilenweit auseinander. Große Schauspielerkunst aus Frankreich. Zum Sattsehen schön. mk.