
Als ihren 100. Film etikettiert Sophia Loren ihre erste Zusammenarbeit mit ihrem Sohn Edoardo Ponti. Angesichts der vielen frühen Komparsenrollen der italienischen Diva braucht man einen Mathematiker, um den Nachweis für dieses Jubiläum zu führen, aber nur ein sentimentales Herz, um es angemessen würdigen zu können. Nach seinem eigenen Drehbuch erzählt Ponti von drei Frauen, die sich von ihren biographischen Fesseln befreien - und dies mit einer starken Besetzung, die mit der Frontfigur Loren die beste Werbung für diese sensiblen Porträts seelischer Verwundungen ist.
Natürlich mutet die geballte Tristesse der drei beobachteten Schicksale wie ein Analyseprotokoll eines Suizidseminars an. Natürlich benutzt Ponti reduziert subtile Metaphern, wenn er die Sehnsucht der drei Frauen durch das Bild eines fröhlichen Mädchens illustriert, das nur sie wahrnehmen können. Und natürlich ist es unglücklich, wenn der depressivste Charakter wie schon in Altmans "Short Cuts" wieder eine Cellistin ist, als wäre Schwermut etwa für eine Querflötistin undenkbar. Aber das sind im Grunde die einzigen Mängel, die man Pontis Film zur Last legen möchte, der mit bedächtigem Tempo seine Charaktere und ihre Lebenssituation vorstellt und sich Zeit nimmt, in sie hineinzuhorchen. Wenn man so will, ist "Zwischen Fremden" ein zwischenmenschlicher Actionfilm, denn aus Beziehungen entwickelt er psychologische Spannung und einige erstklassige schauspielerische Leistungen.
Pontis Film beginnt standesgemäß mit einer Nahaufnahme seiner bald 70-jährigen Mutter, deren Gesicht diese Intimität immer noch mühelos erträgt. Loren spielt Olivia, die vor Jahrzehnten ihr Kind zur Adoption freigeben musste und sich dafür durch die Ehe mit einem ungeliebten, im Rollstuhl verbitterten Mann bestrafte. Ihre Befreiung ist die Wiederentdeckung ihres Jugendtraums und schließlich auch die Begegnung mit ihrer Tochter, die auch ohne melodramatische Identitätsgeständnisse zu den berührendsten Momenten des Films zählt. Mira Sorvino ist als Fotografin Natalia zu sehen, die nach ihrem ersten großen Cover erkennen muss, dass es ihr nicht genügt, das Leben ihres berühmten Vaters zu leben und damit für das perfekte Bild die eigenen Emotionen zu opfern. Deborah Kara Unger schließlich ist die Cellistin, die ihre Familie verlässt, um ihren aus der Haft entlassenen Vater, den Mörder ihrer Mutter, zu richten.
Zwischen diesen drei Schicksalen surft Pontis Drehbuch, ohne nun jedes seelische Mysterium im verbalen Detail erklären zu wollen. "Zwischen Fremden" ist kein Film der Aussprachen, sondern der Andeutungen. Es ist ein Film der Schauspieler, der Gesichter, der Beobachtung. Für Zyniker und Kassenrekordstatistiker ungeeignet, aber gerade zur emotionalen Vorweihnachtszeit ein Film, für den sich eine Jubilarin keinesfalls schämen müsste. kob.